Kultur : Rache ist Blutdurst

Wie „Tal der Wölfe“ den Blick schärft

Jan Schulz-Ojala

Die CSU, die derzeit aus allen Rohren gegen den umstrittenen Reißer „Kurtlar Vadisi – Tal der Wölfe“ schießt, kann sich über einen Teilerfolg freuen. Zwar hat sich die türkische Regierung von diesem Actionfilm noch nicht „klar distanziert“, weshalb bayerischerseits weiterhin ein klares Nein zum EU-Beitritt der Türkei erschallt; andererseits nahm die Cinemaxx-Kette soeben den mit insgesamt knapp 70 Kopien gestarteten Renner offiziell „nach Ablauf des zweiwöchigen Vertrags“ aus dem Programm.

Um die Nachfrage nach den acht nun verfügbaren Kopien musste der Verleih nicht bangen: Das Mediengetöse ist riesig wie selten um einen Film. Unter denen aber, die ihn kennen, ist es eher still. Niemand rast, anders als es mancher Bericht andeutet, mit gezücktem Dolch aus dem Kinosaal, um stante pede in den Dschihad gegen die USA zu ziehen. Sondern es wird nachgedacht: Ist „Tal der Wölfe“, Kinoversion einer populären türkischen Mafia-TV-Serie, ein antiamerikanischer, antichristlicher, antisemitischer Hetzfilm? Ja und nein, wird man zu sagen wagen dürfen.

Es gibt diese Szene in Abu Ghraib. Ein amerikanischer Arzt, der sich einmal als Angehöriger des „erwählten Volks“ zu erkennen gibt, entnimmt den Gefangenen Organe, um die Beute nach New York, London und Tel Aviv zu schaffen. Das Mengele-Motiv ausgerechnet mit einem jüdischen Täter zu besetzen: Als Regieeinfall richtet sich das selbst – bei einem Publikum, das ein Mindestmaß historischen Verstands aufbringt. Andererseits: Mit grausigen Fantasien sind Actionfilme nie zimperlich – und dass ein orientalisches Hollywood-Pendant mit einer Umkehrung der Bush’schen Achse des Bösen spielt, wäre ohne die massiv antisemitische Komponente hinnehmbar.

Zweitens: der Scheich. Die wohltuende Nicht-Fratze in diesem Film. Zweimal redet er eindrucksvoll und in Situationen, wie sie drastischer nicht sein könnten, dem womöglich islamistisch entflammten Publikum ins Gewissen. Einmal gegen Selbstmordattentate, weil damit Unschuldige getötet werden. Dann, aus demselben Grund, gegen die Entführung ausländischer Zivilisten. Was ihn denn doch nicht zum Nathan macht: Der Kampf gegen Schuldige darf in seinen Augen geführt werden. Nur: Schließt dies nicht jeden Krieg aus, weil der immer auch Unschuldige trifft? Dass der Scheich, einzige positive Identifikationsfigur für die Intelligenz im Zuschauer, schließlich von den US-Militärs niedergemäht wird: Mit offenem Blick lässt sich dies als bittere Metapher darauf lesen, wie die US-Invasionspolitik den guten Islam dahinrafft – und den bösen, den terroristisch virulenten Islamismus stärkt.

Überhaupt konfrontiert diese nah-mittelöstliche Antwort auf das amerikanische Haudrauf-Genre den Zuschauer schmerzhaft mit den tatsächlichen Quellen jenes aktuellen Bildergedächtnisses, das der Film für seine Zwecke instrumentalisiert. Abu Ghraib, das hier – noch! – für einen geschmacklosen Szeneneinfall pervertiert erscheint, ist Amerikas reale Schande, wie der „Spiegel“ zuletzt titelte. Auch ist der grässliche Zermürbungskrieg, den die fundamentalistischen Davids gegen den Goliath aus Übersee führen, eine Folge der auf Lügen gründenden Irak-Invasion vor knapp zwei Jahren. Dass US-Oberkiller Sam Marshall sich im Film vorm Kruzifix inbrünstig betend als Friedensfürst inszeniert, mag wiederum als zynische antichristliche Pointe kaum zu jemandem passen, der so offenkundig über Leichen geht. Andererseits führt US-Präsident Bush, dessen Nähe zu den fundamentalistischen Christen Amerikas bekannt ist, seinen babylonischen Kreuzzug nicht nur für die Demokratie, sondern aus tiefstem Antrieb auch für das Christentum.

„Tal der Wölfe“ ist ein äußerst unangenehmer Film, aus vielerlei unbequemen Gründen. Wer aber hier eilfertig Zensur ruft, ist nur wenig anderen Geistes als jene, die unlängst meinten, Botschaften anzünden zu müssen, wenn es um den Protest gegen Karikaturen ging. Rachedurst ist immer implizit blutrünstig: Auch das kann aus diesem Film lesen, wer seinen Verstand nicht an der Kasse abgegeben hat.

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