Kultur : Rache ist kühl

Geschichte einer Dienerin: Denis Dercourts Thriller „Das Mädchen, das die Seiten umblättert“

Christina Tilmann

Ob sie eine gute Pianistin geworden wäre? Schon die zehnjährige Mélanie, die sich auf die Aufnahmeprüfung vorbereitet, hat etwas eigenartig Beherrschtes, Berechnendes. Funktioniert eher wie ein Metronom als wie ein fühlendes, denkendes Wesen. Perfekt und leblos – doch ist das Getriebe einmal aus dem Takt gebracht, läuft nichts mehr rund. Kein Wunder, dass Mélanie sich Bach zum Vorspielen gewählt hat, nicht Chopin. Aber gerade Bach verträgt keinen Patzer.

Pianistin wird sie nicht, aber Seitenumblätterin. Der dienende Geist im Hintergrund. Unauffällig muss so eine Assistentin sein, und exakt. Zum rechten Zeitpunkt zugreifen und sich dann wieder zurückziehen. Gefordert ist eine Selbstaufgabe der Persönlichkeit, wie man sie von Dienern, von Zofen erwartet – Leidenschaften, Nachlässigkeiten darf eine Seitenumblätterin sich nicht leisten. Und ist doch geheime Mitwisserin aller Schwächen der Pianistin: sieht jeden Fehler, fühlt jede Nervosität. Lässt sie ihre Auftraggeberin im Stich, platzt das Konzert.

Mélanie (Déborah François) ist als Seitenumblätterin perfekt. Ein stilles Geschöpf mit glattem, unbewegtem Gesicht. Keine Schönheit, aber in ihrer kühlen Perfektion aufreizend genug, erst recht, wenn sie zum Konzert im tief ausgeschnittenen Schwarzen erscheint. Ein Wassergeist, durchsichtig, flüchtig, die Oberfläche schließt sich immer wieder – nicht umsonst spricht man von stillen Wassern, die Überraschungen bergen.

Wo Mélanie Wasser ist, ist ihre Auftraggeberin Ariane Fochecourt (Catherine Frot) Feuer, Chaos, Leidenschaft. Eine genialische Pianistin, unstet und unbeherrscht, hochemotional und labil. Flackert auf und erlischt wieder, kann Wärme und Glanz verbreiten und manchmal nur kalte Asche sein. Zweifelt an ihrer Karriere, wird von Nervosität und Unsicherheit geplagt. So ein Feuerwesen braucht Nahrung, braucht Halt, und hat etwas Verzehrendes. Nicht umsonst klammert sich Ariane an Mélanie. Doch was richtet Wasser mit Feuer an?

Einen Psychothriller der besonderen Art erzählt der französische Regisseur Denis Dercourt mit seinem Film „Das Mädchen, das die Seiten umblättert“. Die Geschichte einer späten, subtilen Rache – und ein Duell höchst unterschiedlicher Temperamente. Vielleicht muss man Musiker sein, wie Dercourt es im Zweitberuf ist, um diesen Wechsel zwischen Accelerando und Ritardando, Crescendo und Descrescendo so instrumentieren zu können, um einen Spannungsbogen durchzuhalten bis zum Schluss. Mélanies Plan entwickelt sich piano, piano, und lässt den Zuschauer lange im Ungewissen: ist es wirklich Berechnung, was hinter ihrer dienstbaren Art steckt, oder nur Ehrgeiz – und am Ende vielleicht doch Zuneigung zur fragilen Partnerin? Aus dieser Unsicherheit holt der Film seine Kraft.

Der klassenkritische Subtext – Metzgerstochter findet Zugang zu großbürgerlichen Kreisen – samt herrschaftlichem Landhaus, Tennislawn und Swimmingpool erinnert an Claude Chabrol, auch die unterschwellige Bosheit in der Charakterzeichnung. Doch um Klassenkritik scheint es Dercourt nicht zu gehen: Verständnisvoll genug haben die Metzgerseltern einst den Pianistentraum ihrer Tochter unterstützt, und ihr Scheitern hatte nichts mit kleinbürgerlicher Unsicherheit zu tun. So sind es weniger Lebensentwürfe oder gesellschaftliche Fragen, die der Film verhandelt, sondern eher psychologische – und kriminalistische.

Denn als Kriminalfall löst Dercourt seinen Film auf, und die perfekt gesponnene Intrige beglückt am Ende eher Rätselfreunde als Psychologen. Und so ist es auch weniger Chabrol als Alfred Hitchcock, der als Dercourts großes Vorbild erscheint. Die stille, schöne Mélanie erinnert in ihrer kalten Berechnung an Marnie, an Melanie aus den Spätwerken des „masters of suspense“. Grausam genug, ihre Rache, auch stringent und subtil erzählt. Doch mit der Lösung verliert sich die Lust. War wohl doch etwas zu viel Wasser im Feuer.

Cinema Paris, Filmtheater am Friedrichshain, Kino in der Kulturbrauerei, Passage, fsk am Oranienplatz (OmU)

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