Raddatz, Reich-Ranicki und Co als Buchautoren : Die Flamme der Fantasie

10 Minuten in einer Talkshow oder eigene Bücher bringen mehr Resonanz als Musil-Studien oder Zeitungsrezensionen: Irgendwann wird jeder Kritiker zum Primär-Produzenten.

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Fritz J. Raddatz 2004 bei einer Lesung aus seinen Memoiren "Unruhestifter"
Fritz J. Raddatz 2004 bei einer Lesung aus seinen Memoiren "Unruhestifter"Foto: Imago

Als Marcel Reich-Ranicki einmal von einem jungen Kritiker vorgeworfen wurde, nur noch sporadisch Literaturrezensionen zu schreiben und viel mehr ein Bücher veröffentlichender und am liebsten im Fernsehen auftretender Popstar zu sein, antwortete er in seiner „FAS“–Kolumne „Fragen Sie Reich-Ranicki“ prompt mit einer Aufzählung seiner zuletzt verfassten Rezensionen, von Günter Grass’ Gedichtband „Letzte Tänze“ bis zu Philip Roth’ Roman „Das sterbende Tier“. Und wegen seiner alles andere in den Hintergrund drängenden Medienpräsenz fügte er an: „Ja und? Was soll ich da tun? Es ist schon wahr: Wenn ich zehn Minuten in einer Talkshow plaudere, reagieren darauf 27 deutsche Zeitungen. Wenn ich indes eine Studie über Musik publiziere, an der ich ein Jahr gearbeitet habe, muss ich mich damit abfinden, dass sich die knappe Resonanz auf zwei oder drei Zeitschriften beschränkt.“

Mit "Kuhauge" wurde Raddatz zum Prosaautor

Hier sprach natürlich nicht mehr der Kritiker, sondern der Buchautor Reich-Ranicki, der im Vergleich zum Medienprominenten viel weniger Chancen auf dem Aufmerksamkeitsmarkt hatte; und auch über die seiner Ansicht nach unzureichende Würdigung seines sechsbändigen Kanons der deutschen Literatur sollte sich Reich-Ranicki in Folge noch des Öfteren beklagen. Bei dem am Donnerstag verstorbenen Großkritiker Fritz J. Raddatz konnte man gleichfalls beobachten, dass dieser nach seinem ersten ultimativen Seitenwechsel mit der Novelle „Kuhauge“ mehr und mehr als Buchautor hervortrat. Was Raddatz da gerade in den letzten 15 Jahren alles verfasst hat, neben seinen Memoiren und den beiden Tagebuchbänden! Eine Biografie über Benn und eine über Rilke, Liebeserklärungen an Nizza und Sylt, ein Bestiarium der deutschen Literatur, eine Erzählung, die Erinnerungen an seine Jahre mit dem Rowohlt-Verleger Ledig. Und zwei fertige Manusskripte, so hat Raddatz in einem letzten Interview gesagt, sollen auch noch bei seinem Nachlassverwalter liegen. Der Literaturkritiker verschwand dabei locker hinter dem Buchverfasser, und das umso rigoroser, desto mehr die Persönlichkeit von Raddatz, sein Dandytum und sein gerade in den Tagebüchern schön dokumentierter Klatsch- und Tratschdrang in den Vordergrund traten.

Raddatz und seine Thesen zur dritten deutschen Literatur

Doch wie wort- und phantasiereich hat Raddatz einst, freilich lange vor der Wende, beispielsweise Thesen zu einer „dritten deutschen Literatur“ formuliert, nach der zweiten, der DDR-Literatur, und der westdeutschen! Zu Büchern von Autoren, die aus der DDR in die Bundesrepublik übergesiedelt waren, all die Schädlichs, Kunerts oder Biermanns, und die einen neuen Realitätssinn in die innerliche, ach so ichbezogene und traumverlorene Literatur der siebziger und frühen achtziger Jahre brachten. Sozialistische Wirklichkeit trifft westliche Irrealität, so Raddatz, und nur gut, dass die Autoren der dritten deutschen Literatur sich „noch einen zumindest utopischen Impuls erhalten haben“. Ja, und wie schnell vermochte er einen Schriftsteller wie Adolf Muschg abzukanzeln („ordentlich gebaute Sätze schmoren auf der Flamme einer kleinen Phantasie“), wie sehr sich an den politischen Aktivitäten eines Grass oder eines Rühmkorfs stoßen und an ihrer skeptischen Haltung zur deutschen Wiedervereinigung: „Sie tragen ihr Links-Sein wie eine Monstranz vor sich her, mit der sie die Welt beschwören und von sich wegweisen. Links = gut. Wie töricht. (...) Sie reden seit 20 Jahren dieselben Lego-Sätze.“

Aber klar, es ist schöner, es befriedet den Narziss in sich ungleich mehr, eigene Kreativität zu entwickeln, nicht für den Tag, sondern zumindest für eine kleine Ewigkeit zu schreiben, ein sogenannter Primärproduzent zu sein. Und das ist ja mehr denn je so, Achtung, Schwenk in Gegenwart und nahe Zukunft. Nicht nur der Fernsehliteraturmann Wolfgang Herles oder der „Zeit“-Feuilletonist Jens Jessen schreiben da wie selbstverständlich Romane, sondern auch gewissermaßen gelernte Literaturjournalisten und -kritiker wie Hajo Steinert („Der Liebesidiot“, erscheint im März) oder Volker Hage („Die freie Liebe“, erscheint im Mai). Mit der Liebe zur Literatur fing alles an, könnte man sagen, und irgendwann gibt es nur noch Liebe und Sex.

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