Radialsystem in Berlin : Den Tiger reiten

Gründereuphorie, Krisenstimmung: Seit einem Jahr existiert das Kunstzentrum Radialsystem in Berlin.

Sandra Luzina

Als das Radialsystem am 9. September 2006 eröffnete, blickte die versammelte Kulturprominenz auf zwei tollkühne Männer. Jochen Sandig und Folkert Uhde, die Initiatoren des neuen Kunstzentrums, flogen mal eben über die Spree – befestigt an einem Drahtseil, das Stuntmen aus Babelsberg über den Fluss gespannt hatten. Seit diesem spektakulären Start haben die beiden Kulturmanager weitere Drahtseilakte absolvieren müssen. Bisweilen hatten sie wohl das Gefühl, über dem Abgrund zu schweben.

Ivan Nagel erblickte in dem privat finanzierten Kunstzentrum ein „notwendiges Wunder“. Dieses Wunder muss immer wieder neu ermöglicht werden. Und das braucht Kraft, Fantasie und Mut zum Risiko. Dass da nicht nur Gründereuphorie, sondern auch Krisenstimmung herrscht, ist nicht verwunderlich. „Die Krise war dem Projekt von Anfang an eingeschrieben“, resümiert Jochen Sandig, der ansonsten die Tanzcompagnie seiner Lebensgefährtin Sasha Waltz managt. „Der Druck, der auf uns lastet, ist groß.“ Folkert Uhde, Manager und Dramaturg der Akademie für Alte Musik Berlin, sekundiert: „Das Radialsystem ist kein Veilchen-Projekt, es kostet viel Geld.“ Seine Erkenntnis lautet deshalb: Wer den Tiger reitet, kann nicht absitzen.

Die ersten 365 Tage und Nächte sind geschafft. Morgen werden Sandig und Uhde bei der Bilanz-Pressekonferenz die Zahlen offenlegen. Eins steht fest: Mit dem von dem Architekten Gerhard Spangenberg umgebauten denkmalgeschützten Pumpwerk an der Spree hat Berlin einen aufregenden Ort für die Künste hinzugewonnen. Das Radialsystem V ist schnell im öffentlichen Bewusstsein angekommen – und besitzt eine Strahlkraft über Berlin hinaus. Denn es ist einzigartig in dem Versuch, innovative Architektur und zukunftsweisende künstlerische Konzepte aufeinander abzustimmen.

An der Schnittstelle Mitte und Kreuzberg-Friedrichshain situiert, profitiert das Zentrum von seiner idealen Lage. Hier liegt eine der lebhaftesten Partyzonen Berlins, das Areal um die Spree lockt auch die Kreativbranche an. Wer einmal in einer lauschigen Sommernacht auf dem Sonnendeck saß, auf den Fluss blickte und zu den Sternen aufschaute, der weiß, dass dieser Ort einen eigenen Zauber besitzt. Mitten in den Großstadt fühlt man sich wie in einer anderen Welt. Die Künstler haben den Ort sofort in Besitz genommen. Sasha Waltz hatte für die choreografische Begehung „Dialoge 06 – Radiale Systeme“ ein Ensemble aus 56 Mitwirkenden auf die Beine gestellt. Im Gefolge der 24 Tänzer bewegten sich 32 Musiker aus drei Ensembles. Da war ein Singen und Klingen im ganzen Haus, eine Performance-Konzert-Installation auf die Architektur zugeschnitten.

Das Gebäude ist der Star, betonen Sandig und Uhde. Ins Radialsystem V passen nur Aufführungen, die die Räume als Teil der Inszenierung begreifen – wie etwa bei Anne Teresa de Keersmaekers Performance „Keeping Still – Part 1“ im Rahmen von Tanz im August. Am liebsten ist den beiden Leitern, wenn das ganze Haus genutzt wird wie bei dem von der Zentralen Intelligenz Agentur veranstalteten Festival-Camp „9 to 5 – Wir nennen es Arbeit“.

Das Radialsystem V als Ort der offenen Kommunikation – das passt gut ins Konzept. Über neue Formen selbstbestimmten Arbeitens haben sich auch Sandig und Uhde Gedanken gemacht. Erhellend ist es zudem, den beiden Leitern bei einem Dialog über „körperliche Lösungen“ zuzuhören. Das Radialsystem V ist angetreten, neue Formen der Präsentation von Musik zu erproben. Das glückte wunderbar in genreübergreifenden Produktionen wie dem choreografischen Konzert „Vier Elemente – vier Jahreszeiten“ von Juan Kruz de Garaio Esnaola und der Akademie für Alte Musik.

Eingeschlagen haben auch die Konzerte im Liegen. „ Auch die Musiker lieben diese Form. Denn die Zuhörer sind viel ruhiger, stiller und friedlicher“, berichtet Uhde. Er weiß diese körperliche Erfahrung von Musik selbst zu schätzen: „Das ist fast wie Yoga.“ Ein enthusiastischer Sandig ergänzt: „Das ist Woodstock für Klassik-Freaks.“

Die außergewöhnlichen Musikveranstaltungen prägten die erste Spielzeit – und erfreuten sich regen Publikumszuspruchs. „Wir haben eine Lücke gefüllt“, freut sich Uhde. Dabei gehe es nicht darum, den angestammten Konzerthäusern Konkurrenz zu machen. Mit dem Radialsystem V wurde ein Ort etabliert, der sich auf andere Hör- und Seherfahrungen spezialisiert. „Viele etablierte Institutionen machen Projekte im Radialsystem V, um ein neues Publikum zu gewinnen“, berichtet Uhde. Natürlich wollen sie von der Aura des Ortes profitieren. Das Kunstzentrum gewinnt ständig Partner hinzu; das Konzept ist aufgegangen.

„Wir sind Teil eines internationalen Netzwerkes“, betonen Sandig und Uhde. „Ohne dieses Netzwerk hätten wir es nicht geschafft.“ Den Spagat zwischen Kunst und Kapital, zwischen kultureller und kommerzieller Nutzung zu schaffen, ist freilich nicht leicht. Da müssen öfters Abstriche beim Programm gemacht werden. Denn Geld kommt vor allem durch Fremdvermietungen rein. Ohne die renommierten Ensembles Sasha Waltz & Guests und die Akademie für Alte Musik Berlin, die hier regelmäßig proben und Miete zahlen, liefe das Haus gar nicht.

Im zweiten Jahr soll das Radialsystem mehr Fahrt aufnehmen, auch wenn die dringlichste Aufgabe ist, den Betrieb zu konsolidieren. Sandig spricht schon von „der nächsten Stufe der Rakete“, die gezündet wird. Pläne für die nächsten Jahre gibt es in Überfülle. Ohne den Mut zum Träumen könnte man dieses Zentrum wohl auch gar nicht am Laufen halten. Das Radialsystem V hat jedenfalls Zukunftsmusik zu bieten. Die Akademie für Alte Musik, die in diesem Jahr seit 25 Jahren besteht, lädt im Oktober zum Bach-Marathon ein. Vorher steht das interdisziplinäre Festival „Medeamorphosen“ (16.9. bis 15.10.) an, bei dem u.a. Angela Winkler und Christa Wolf zugesagt haben. Erst mal aber wird gefeiert. Am Samstag steigt eine Party. Der Radiale Familientag am 9. 9. widmet sich dem Thema Luft. Sandig und Uhde ist garantiert nach Luftsprüngen zumute.

Info unter www.radialsystem.de

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