Radikalismus in der Türkei : Das Leid braucht einen Namen

Steht die Türkei vor einem Bürgerkrieg? Die Rhetorik der Regierung stärkt den Radikalismus auf der Seite der Kurden und bei türkischen Nationalisten.

Zafer Şenocak
Explosiv. Türkische Nationalisten demonstrieren in Ankara gegen Terrorismus.
Explosiv. Türkische Nationalisten demonstrieren in Ankara gegen Terrorismus.Foto: AFP

Die Sprache kündigt das Unheil an. So war es auf dem Balkan, als Serben und Kroaten, Bosnier und Albaner gegeneinander aufgehetzt wurden. Das war vor gut zwei Jahrzehnten. Jetzt passiert es in Syrien und im Irak. In diesen Ländern tobt ein unerbittlicher Bürgerkrieg. Und schon gibt es einen neuen Todeskandidaten: die Türkei.

Die Konflikte des Nahen Ostens sind in Europa angekommen. Nicht nur in Gestalt von hunderttausenden Flüchtlingen, die auf dem sicheren Kontinent des Wohlstands Schutz und Geborgenheit suchen. Auch die Unruhen in der Türkei bedrohen Europa. Immer stärker wird die kurdische Bevölkerung des Landes zur Zielscheibe türkischer Nationalisten. Auch hier löst die Hasspredigt der politischen Machthaber eine Welle von Gewalt aus. Selbst manche Würdenträger des Islam lassen sich vor den Wagen der Kriegstreiber spannen. Auf der kurdischen Seite radikalisieren sich immer mehr junge Menschen und sie tragen den Konflikt auch nach Deutschland.

Das Zusammenbringen unterschiedlicher Lebensentwürfe war bislang nicht erfolgreich

Europa und allen voran Deutschland kann es sich nicht mehr leisten wegzuschauen, wenn es an seinen Außengrenzen brennt. Europa hat eine tiefe Außengrenze, die bis in den Nahen Osten hineinreicht. Diese Tiefe hat kulturelle Gründe. In Teilen des Nahen Ostens wird die europäische Kultur geachtet und gelebt. Aber sie ist in den letzten Jahrzehnten immer stärker unter Druck geraten. Der radikalisierte Islam mobilisiert die Köpfe der Menschen gegen den Westen. Doch genau in diesen Westen wollen viele gehen.

Der radikale Islam hat nichts zu bieten außer Krieg und Zerstörung. Sein Wertesystem ist gestört, weil er keinen humanen Kern mehr besitzt. Religionen richten sich immer gegen die eigene Botschaft, wenn sie von Extremisten instrumentalisiert werden. Denn der Glaube erreicht nur den ausgeglichenen Menschen. Er sucht die innere Ruhe. Er kann sich nicht in Hasspredigten ausdrücken. Der Krieg der Frommen aber braucht die Sprache der Angst und der Gewalt. Er lässt das hässliche Potenzial des Menschen auf andere los, auf vermeintliche Feinde. Besonders bedroht sind Gesellschaften, in denen Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religion zusammenleben.

In der Erbschaft des Osmanischen Reiches hat die Türkei das Zusammenleben unterschiedlicher Lebensentwürfe bislang nicht erfolgreich moderieren können. Das Land ist nicht nur ethnisch gespalten. Auch Menschen mit konservativer, islamischer Prägung trennt vieles von Bürgern, die säkular orientiert sind. Alle diese Bruchlinien sind bekannt und bedürfen eines behutsamen Umgangs. Mit dem Präsidenten Erdoğan ist allerdings ein Politiker an der Macht, der alles andere als moderat ist. Er trägt heute die Hauptverantwortung an der Zuspitzung der Lage. Es fehlt ihm an den Worten der Aussöhnung, seine Sprache ist abschottend und aggressiv. Sie gießt Öl ins Feuer. Es ist ein Treppenwitz der Geschichte, dass man in Europa nun auf diesen Politiker angewiesen ist, um das Problem der Flüchtlinge in den Griff zu bekommen. Viel hängt jetzt davon ab, ob man mit den Regierenden in der Türkei offen darüber spricht, dass es nicht mehr nur die Angelegenheit der Türkei sein kann, wenn das Land ins Chaos stürzt. Man mag sich gar nicht vorstellen, was ein Bürgerkrieg in der Türkei auch für Europa bedeuten würde. Die Befriedung des Konflikts mit den Kurden war einer Lösung nahe und steht nach wie vor ganz oben auf der Agenda.

Der Mensch vergisst, die Sprache erinnert sich

Wen oder was bedrohen die Kurden in der Türkei? Türken und Kurden leben seit einem Jahrtausend zusammen. Sie haben während dieser langen Zeit eine gemeinsame Kultur entwickelt. Türken und Kurden haben Anatolien gemeinsam geprägt. Und auch in der Schuld, in der Vertreibung und Vernichtung der anatolischen Armenier, waren sie Partner.

Der türkische Staat aber hat lange Zeit die Existenz der Kurden geleugnet, ihre Sprache und Kultur verfolgt. Der Widerstand der Kurden wurde von Anfang an als Terrorismus diffamiert. Der Terror des Staates gegen die eigene Bevölkerung dagegen hatte nie einen Namen. Genauso wie heute wurden auch damals die Toten, die auf der Seite des türkischen Staates gekämpft hatten, zu Märtyrern. Die Toten auf der kurdischen Seite hatten nie einen Namen. Der Friedensprozess ließ für kurze Zeit Hoffnung aufkeimen. Anatolien böte wieder einen Boden für ein würdiges Zusammenleben der Völker und Kulturen. Welch ein Trugschluss!

Türken und Kurden werden so lange aufeinander einschlagen, bis sie eine Sprache für das Leid der Anderen gefunden haben. Diese Sprache würde auch Worte finden für das Leid der Armenier, das einhundert Jahre zurückliegt. Der Mensch mag vergessen, die Sprache aber erinnert sich und erinnert den Menschen an seine Geschichte. Sie macht das Gedächtnis lebendig. Sie entscheidet nicht selten über Leben und Tod, über Krieg oder Frieden.

Der Autor lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien von ihm „Deutschsein. Eine Aufklärungsschrift“.

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