Kultur : Rätselmann Herrhausen

„Black Box BRD“ als Buch und Frankfurter Streitthema

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Aus der Luft betrachtet, verdient Frankfurt tatsächlich den Spitznamen Mainhattan. Von unten aber, wo die Proportionen zwischen Groß und Klein auf einmal ein groteskes Missverhältnis erkennen lassen und mehr gemächlich-hessischer Dialekt zu hören ist, als man ihn in dieser „Zukunft! Zukunft!“ schreienden Umgebung erwarten würde, merkt man, wie kulissenhaft alles ist: ein Versuch, sich der eigenen Bedeutung zu versichern.

Andres Veiels mit dem Bundesfilmpreis ausgezeichneter Dokumentarfilm „Black Box BRD“ beginnt mit einer solchen Luftaufnahme und nähert sich seinen Protagonisten, dem RAF-Terroristen Wolfgang Grams, der bei seiner Verhaftung in Bad Kleinen ums Leben kam, und Alfred Herrhausen, dem von der RAF ermordeten Vorstandssprecher der Deutschen Bank, in der Folge mehr und mehr. Doch wahrscheinlich ist er ihnen noch nie so nah gekommen wie in dem gleichnamigen Buch, das seit gestern bei der Deutschen Verlags-Anstalt vorliegt. Ein Doppelporträt als Totenbuch: materialreicher als der Film, der die Überlebenden als Zeugen heranzieht und die möglichen Affinitäten zwischen zwei einsamen Männern, die sich beide in geschlossenen sektenhaften Systemen bewegten, noch deutlicher macht.

Affinität durch Fremdheit, die kein Gespräch jemals hätte überwinden können: Davon lebte auch die Diskussion im Hessischen Rundfunk, die die Konstellation von „Black Box BRD“ noch einmal im Kleinen nachstellte. Auf der einen Seite ein Ex-RAF-Terrorist, Karl-Heinz Dellwo, der zumindest die Motive des bewaffneten Kampfs noch immer verteidigt. Auf der anderen Seite Tilo Berlin, damals ein enger Mitarbeiter Alfred Herrhausens: ein Banker, der die politisch aufgeladene Atmosphäre seit dem Tod von Benno Ohnesorg immer noch nicht recht nachvollziehen kann.Daneben Jürgen Schneider, ein Freund von Wolfgang Grams, der vor dem politischen Kampf im Untergrund zurückschreckte, Veiel selbst und Esther Schapira als unerschrockene Moderatorin, die eine schwere Aufgabe bewundernswert ruhig erledigte.

Keine offenen Vorwürfe, keine stille Aggression, nur eine Getrenntheit der Sphären, die schon deshalb unüberwindlich zu sein scheint, weil sich Karl-Heinz Dellwo wie Tilo Berlin in so abstrakten Denkwelten bewegen, als würden sie in ihren moralischen Entscheidungen ein Leben aus der Vogelperspektive leben. Vor allem Dellwo scheint sich als gerechter Weltgeist zu sehen, der für sein Handeln ausschließlich überindividuelle Zusammenhänge in Anspruch nimmt und deshalb persönliche Fragen an sich abprallen lässt. Und von Tilo Berlin keine zuverlässige Antwort auf die interessante Frage: War Herrhausen ein Moralist, als er die Entschuldung von Drittweltländern forderte und danach von der Deutschen Bank fallen gelassen wurde? „Noch“, sagt Karl-Heinz Dellwo, sei es zu früh, die Diskussion über den Krieg zwischen Staat und RAF zu führen: „Vielleicht in 20 Jahren.“ Gut, dass Veiels „Black Box BRD“ schon jetzt Denkstoff bietet – ganz aus der Nähe. Die Spuren sind schon halb verwischt. Gregor Dotzauer

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