Kultur : Räuberbande

Annabel Wahba

In „Keine Angst vor Niemand“ ist von mutigen Frauen die Rede, die über das Dach aus dem Gefängnis fliehen. Von jungen Leuten, die Jimi Hendrix hören und Banken überfallen, dabei Negerküsse spendieren und das Geld auch schon mal an Arme verteilen. Aber ganz so romantisch wie bei Robin Hood ist es nicht.

„Keine Angst vor niemand“ ist ein Gespräch zwischen dem Autor Daniel Dubbe und der Ex-Terroristin Gabriele Rollnik. Es geht um die „Siebziger, die Bewegung 2. Juni und die RAF“, wie es im Untertitel heißt. Rollnik ist eine gute Erzählerin. Ihr Studium warf sie mitten in der Diplomarbeit hin, um bei AEG-Telefunken als Montiererin am Band zu stehen. Schließlich war die Arbeiterklasse „das revolutionäre Subjekt“, wenn auch seiner historischen Rolle noch nicht hinreichend bewusst. Die Intellektuelle wollte die Arbeiter politisch mobilisieren. Als sie merkte, „nur durch Reden überzeugst du die Leute nicht“, ging sie zur „Bewegung 2. Juni“, benannt nach dem Tag, an dem Benno Ohnesorg 1967 von der Polizei erschossen worden war. Die Gruppe, die aus der Kommune 1 hervorging, lockere Verbindungen zur RAF unterhielt und eher anarchistisch orientiert war, versuchte nach dem Hungertod von Holger Meins den Präsidenten des Berliner Kammergerichts zu entführen. Was misslang. Bekannt wurde die Terrororganisation 1974 durch die Entführung des Berliner CDU-Vorsitzenden Peter Lorenz. Woran auch Rollnik beteiligt war. Nach 15 Jahren Haft kam sie 1992 frei. Da existierte die Bewegung schon lange nicht mehr. Sie hatte sich 1980 aufgelöst.

Das Interview verharmlost diese Ereignisse und lässt stellenweise an Gangsterfilme im Stil der Fünfzigerjahre denken. Dubbe führt das Gespräch ohne jede Distanz und äußert mehrfach seine „Bewunderung“ für die „mutigen“ Kämpfer. Er spricht von der „erfolgreichen“ Lorenz- Entführung und anderen „gelungenen Aktionen“. Es ist niemand anders als die Interviewte selbst, die widerspricht. Immerhin sei ja etwa der Kammergerichtspräsident Günther von Drenkmann erschossen worden. Dubbe fragt nicht nach. Es interessiert ihn auch nicht, was in Rollniks Kopf vorging, als ihr bei einem Banküberfall ein Polizist mit gezogener Waffe gegenüberstand. Hätte sie geschossen, wenn nicht Passanten im Weg gewesen wären? Der Mann hätte ihr Vater sein können, der auch Polizist war.

Dubbes Mangel an Distanz diskreditiert das Buch und den Versuch einer historischen Aufarbeitung. Er nimmt seiner klugen Gesprächspartnerin die Möglichkeit, ihre Zeit im Untergrund zu reflektieren. Dass sich das Interview dennoch spannend liest, verdankt sich allein ihr. Von dieser Polizistentochter wüsste man gern mehr.

Gabriele Rollnik und Daniel Dubbe: Keine Angst vor niemand. Über die Siebziger, die Bewegung 2. Juni und die RAF. Edition Nautilus, Hamburg. 128 Seiten, 9,90 €.

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