Kultur : Rainer Maria Rilke trifft auf das Philharmonische Orchester

Sybill Mahlke

Für "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke" kommt der Abend einer Klarstellung gleich. Denn das emphatische Büchlein trägt die Last und den Erfolg seiner Rezeptionsgeschichte mit sich, die mit verklärtem Heldentod, Erstem Weltkrieg und verlegerischem Feeling des Insel-Verlages zu tun hat. Eine Million Auflage und das Werk im Soldatentornister: "Reiten, reiten, reiten, durch den Tag, durch die Nacht, durch den Tag ..." Als Klassenlehrerlieblingspoesie drängt es sich den späteren Generationen in die Ohren.

Keine Rezitation könnte den sensiblen Text von Rainer Maria Rilke schöner erneuern als die von Gert Voss, weil sie die lyrische Sonderart, das, was der Dichter selbst später "vers-infizierte Prosa" nennt, unter eine künstlerisch sublimierende Kontrolle bringt. "Mut" und "Sehnsucht" erfahren in der herben Klarheit dieser Sprache eine moderne emotionale Verbindung, und das Vergangenheitsgefühl des Wortes "war" - "Magdalena - dass ich immer so war" -, erinnert in der Betonung von Gert Voss an den fantastischen Septimensprung, mit dem es 1912 in "Ariadne" von Hofmannsthal / Strauss ein für allemal Musik geworden ist.

Musik - Rilkes Dichtung über seinen Vorfahren, einen 18-jährigen Standartenträger im ersten österreichischen Türkenkrieg, hat viele Vertonungen angeregt, und die Namen der Komponisten sprechen für sich: Max von Schillings bis Siegfried Matthus, der dem Buch als Wiedereröffnungsstück der Semperoper 40 Jahre nach der Zerstörung Dresdens die Aura eines Zeitstücks zugetragen hat, bei der Berliner Erstaufführung in den Glanzzeiten der Deutschen Oper inszeniert von Maximilian Schell.

Der Philharmoniker Götz Teutsch geht einen eigenen Weg, indem er Rilke mit Originalmusiken aus dem Dreißigjährigen Krieg zusammenführt. Das Programm entstammt dem Schatten der "Tristan"-Inszenierung unter Claudio Abbado und Klaus Michael Grüber bei den Salzburger Osterfestspielen 1999, und da der "Mythos von Liebe und Tod" das Berliner Philharmonische Orchester noch immer nicht loslässt, passt es sich auch in den Berliner Kammermusiksaal ein.

Die sinnstiftende Vortragsfolge entbehrt des melodramatischen Ansatzes, den Peter Ruzickas viertes Streichquartett mit dem Sprecher Dietrich Fischer-Dieskau kürzlich an den selben Ort gebracht hat. Dichtung und Musik stehen getrennt, um sich auf einer eigenen Zeitebene zu treffen. Seltsam bruchlos lässt sie sich bis in die Gegenwart zu dem Klaviertrio "Fremde Szene" von Wolfgang Rihm verlängern, weil als zweiter Textblock "In hora mortis", frühe Lyrik von Thomas Bernhard, die Brücke bildet. Mit ihren metaphernreichen, verzweifelt hoffnungsvollen Versen passt sich der Ich-Erzähler den Psalmkompositionen der Alten Meister an. Die wichtigsten stammen von Johann Hermann Schein und Heinrich Schütz, und es bleibt nicht aus, dass das Zyklus-Gedächtnis "Liebe und Tod" mit der Musik auch die Lebensrealität des Komponisten Schütz als eine des jungen und ewigen Witwers einfängt.

Die unruhige Bildhaftigkeit des Meisterwerks "Was betrübst du dich, meine Seele?" von Schütz oder das Geistliche Konzert "Aus tiefer Not" von Schein fordern die beiden instrumental geführten Soprane Maria Cristina Kiehr und Johanna Koslowsky und die übrigen Musiker zu konzentrierten Leistungen heraus, die von dem Basso continuo unter Leitung des Lautenisten Konrad Junghänel mit dem Cembalisten Raphael Alpermann und dem Bassisten Klaus Stoll dominiert werden. Götz Teutsch spielt erstaunlicherweise so frei wie lange nicht mehr, wenn er zwischen Gambe, Barockcello und modernem Cello wechselt. "In hora mortis" meint die Todesstunde, wie sie im Ave Maria angesprochen ist. Eine aufregende Thematik für einen jungen Dichter! Gert Voss lässt Begriffe wie Blut, krank, Messer, Frost, o Herr staccatohaft aus den Gedanken springen, bevor die Stimme den Vögeln in die Höhe folgt. Auch die "Auslöschung", eigentlich der ganze ungebärdige Thomas Bernhard, ist schon da.

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