Kultur : Raketen-Unglück in Kabul: Der Zündpunkt

Robert Birnbaum

Ein Rätsel. Oder, mit den Worten des Generalinspekteurs Harald Kujat: "Etwas, was wir uns im Moment technisch noch nicht erklären können". Nach den Zeugenaussagen von Soldaten, die das Inferno überlebten, ist am Mittwochnachmittag auf dem Sprengplatz von Kabul eigentlich alles so gelaufen, wie es laufen sollte. Feuerwerker aus Munster und ihre dänischen Kollegen hatten die zwei SA-3-Raketen auf die staubige Hochebene nahe dem deutschen Feldlager geschafft - zwei der unzähligen Überreste von 23 Jahren Krieg, die in der verwüsteten Stadt umherliegen wie anderswo Plastikflaschen und Papiermüll. Kampfmittel-Räumung ist Routineaufgabe der internationalen Friedenstruppe Isaf. Und eine SA-3 ist kein gewöhnlicher Fund, aber auch kein einmaliger: Noch vor wenigen Tagen, sagt Kujat, hatten die Feuerwerker schon einmal eins dieser gut eine Tonne schweren, sechs Meter langen Luftabwehrgeschosse sowjetischer Konstruktion gefunden.

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In welcher Phase der Sprengroutine die Rakete explodierte, scheint inzwischen einigermaßen klar: Das Geschoss war mit einem Kran in die Sprenggrube herabgelassen worden, als es detonierte. Warum - ein Rätsel. Ob der 60-Kilo-Splittersprengkopf schon von dem Feststoff-Raketentreibsatz abmontiert war, wie es üblich ist, um beide getrennt zu vernichten - Kujat weiß es noch nicht sicher. Immerhin kann er eine versehentliche Fehlzündung des Plastik-Sprengstoffs ausschließen, mit dem die Feuerwerker Blindgänger und Munition sprengen. Die Zünder seien noch weit entfernt vom Ort des Geschehens gewesen. Niemand war auf Sprengung eingestellt, alle noch mit der Vorbereitung beschäftigt. Das erklärt, warum so viele Soldaten in der Nähe waren. Ob eins jener anderen "Sprengmittel" explodierte, die nach amtlicher Auskunft mit den Raketen zusammen vernichtet werden sollten, und eine tödliche Kettenreaktion auslöste? "Wir können im Moment auch nur spekulieren", sagt ein Spitzenoffizier.

"Uns sind keine Umstände bekannt, warum die Explosion erfolgte", sagt auch sein Dienstherr. Der Verteidigungsminister war auf dem Weg zum deutschen Marine-Kontingent am Horn von Afrika, als ihn auf der Höhe von Mekka die Hiobsbotschaft erreichte. Scharping ließ den Airbus sofort wenden, nachts um 0:41 Uhr landete die Luftwaffen-Maschine in Tegel. Rudolf Scharping sieht blass und mitgenommen aus. "Es waren sehr erfahrene, gute Leute", sagt er. "Auch ihre Erfahrung hat sie vor dem Tod nicht schützen können." Einen der Männer hat er gekannt, hat vor dem Abflug mit ihm gesprochen und dann wieder neulich bei seinem Besuch in Kabul. Zwei junge Männer, Oberfeldwebel, noch unverheiratet - kleiner Trost in der Trostlosigkeit: "wenigstens keine Kinder, die den Vater verlieren", sagt ein Offizier. Noch eine gute Nachricht: Die drei Schwerverletzten sind außer Lebensgefahr. Eine Krankentransport-Transall der Bundeswehr, stationiert im usbekischen Termez, hat die insgesamt acht Verletzten in der Nacht von Kabul ins usbekische Taschkent geflogen. Ein MedEvac-Airbus, eine fliegende Intensivstation, hat sie abgeholt zum Heimflug nach Köln. Die Maschine bringt die verletzten Dänen danach weiter nach Kopenhagen. Die Toten kommen später. Die Kameraden ihrer Einheit haben gebeten, sie begleiten zu dürfen auf dem letzten Weg. Scharping hat es den Männern freigestellt.

Und die Konsequenzen? Eine sechs Mann starke Expertenkommission ist noch am Donnerstag nach Kabul abgereist. Die zwei Deutschen und vier Dänen sollen das Rätsel lösen. Sie sollen auch sagen, ob man, obwohl anscheinend niemand etwas falsch gemacht hat, in Zukunft etwas noch richtiger machen kann. Den Experten, betont Kujat, wolle man auch die Befragung der Verletzten vorbehalten.

Der General sagt das nicht, aber es soll nicht der Hauch eines Verdachts aufkommen können, dass etwas vernebelt werden soll. Nicht noch eine Debatte um Informationspolitik! Der Unfall, der schwerste dieser Art in der Geschichte der Bundeswehr, macht die Verantwortlichen unsicherer als sie sich geben. Sie sind sich der Reaktionen nicht sicher - der Reaktionen der Öffentlichkeit, der Zeitungen, der Politik.

Kanzler Gerhard Schröder versicherte noch am Mittwochabend, der Einsatz sei insgesamt nicht in Frage gestellt. Und: Die Toten seien nicht Opfer von Kampfhandlungen. Als ob das etwas ändern würde. "Der tragische Tod zweier deutscher Soldaten bestätigt auf eine leider entsetzliche Weise die Risiken, die mit einem militärischen Einsatz verbunden sind", sagt Scharping. Und doch ist der Tod im Einsatz noch ungewohnt. Um so bemerkenswerter, dass kein ernst zu Nehmender in der Politik zum Rückzug aufruft. Warum auch? Am Mittwochabend sind zwei Marine-Soldaten in der eiskalten, stürmischen Ostsee erfroren. Ihr Boot war gekentert. Ein Manöver-Unfall. Wie viele davor.

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