Kultur : Raki gegen die Schwermut

Istanbul aus der Nähe: Die Grafikdesignerin Alexandra Klobouk hat sich charmant an die Türkei herangezeichnet

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Verhüllung für jeden Typ.
Verhüllung für jeden Typ.

Irgendwann stellte die Berliner Grafikdesignerin Alexandra Klobouk fest, dass ihr Bild von der türkischen Kultur hauptsächlich von Ehrenmord, Zwangsheirat, schreienden Gemüsehändlern und Paschas bestimmt war, die ihre Frauen schwere Einkaufstüten schleppen lassen. Fatih Akins Dokumentarfilm „Crossing the Bridge: The Sound of Istanbul“ rückte das Bild der heute 27-Jährigen zurecht, und sie beschloss: Ich möchte mir selber eins machen. Im Februar 2008 zog sie für sieben Monate nach Istanbul.

Auf 128 Seiten zeichnet und beschreibt sie ihre Eindrücke vom Leben in der fünftgrößten Stadt der Welt – auf Deutsch und Türkisch. Fast viermal so viele Menschen wie in Berlin tummeln sich in der Metropole, in der Europa an Asien grenzt. In schlichten, prägnanten schwarz-weiß-roten Zeichnungen erfasst die gebürtige Regensburgerin die Atmosphäre und Eigenarten Istanbuls . Wie bekommt man den Schaum auf den türkischen Kaffee und wer kann aus dem Satz die Zukunft lesen? Weshalb küssen manche Türken ein heruntergefallenes Stück Brot und halten es sich anschließend an die Stirn?

Fasziniert nähert sich Klobouk auch der Poesie der türkischen Sprache, die sie mit ihrem agglutinierenden Sprachbau an Legosteine erinnert. Sie gibt Tipps: Fremde, die man früher oder später nach dem Weg fragen wird, spreche man am besten mit „Bruder“ an und anstelle von „Gesundheit“ wünsche man einem Niesenden „Mögest du ein langes Leben haben“. Ihre lakonischen Beschreibungen ergänzen sich hervorragend mit den liebevollen Illustrationen. Der Untertitel „Ein Buch für alle, die auch keine Ahnung haben“ gibt die Richtung vor.

Klobouk lernt die verschiedenen Gesichter der Stadt kennen: Bombenanschläge und existentielle Armut ebenso wie großzügige Gastfreundschaft und Studentinnen, die wegen des Kopftuchverbots ihre Haare unter einer Perücke verbergen. Bewundernd beobachtet sie das Multitasking der Busfahrer, die ihre Berliner Kollegen – häufig bereits mit einer Fahrplanauskunft überfordert – reichlich alt aussehen lassen. Das Leben in Istanbul ist so vielfältig wie die türkische Küche: Die Schwermut, den man in Raki ertränkt, gehört dazu wie die Lebensfreude an einem Tisch, der sich unter Melonen, Oliven, Doraden, Wurst und Sesamringen biegt. Daniel Grinsted

Alexandra Klobouk: Istanbul, mit scharfe Soße? Ein Buch für alle, die auch keine Ahnung haben. Onkel & Onkel, Berlin 2010. 128 Seiten, 14,95 Euro.

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