Ralf Dahrendorf : Zeugnis eines Zeitgenossen

Er strahlt noch immer Unangestrengtheit aus: Dem großen Soziologen Ralf Dahrendorf zum 80. Geburtstag.

Hermann Rudolph

Jeder Mensch trage ein bestimmtes Alter zeitlebens mit sich herum, hat Ralf Dahrendorf einmal vermutet. Er selbst sei wohl immer 28 gewesen. Das Aperçu mag ihm an diesem 1. Mai, an dem er 80 Jahre alt wird, vielleicht etwas schwererfallen. Aber wahr ist, dass sich Dahrendorf über die Jahre hinweg erstaunlich gleich geblieben ist. Natürlich ist aus dem jungen Professor, der immer wieder für seinen Assistenten gehalten wurde, ein soignierter, älterer Herr geworden. Aber noch immer strahlt der Redner und Schreiber eine in seinem Fach seltene Unangestrengtheit aus. Keine Spur des berüchtigten Soziologen-Jargons, dafür elegante Gelehrsamkeit und überzeugende Vernünftigkeit, Klarheit der Argumentation und das rare Vermögen, Schwieriges leicht darzustellen. Vermutlich schreibt er noch immer auf einer mechanischen Schreibmaschine: Das Werk, das das geistige und politische Leben Deutschlands bereichert hat, wurde im Zweifingersystem verfasst.

Das runde Datum lädt dazu ein, sich abermals die Biografie dieser faszinierenden Gestalt zu vergegenwärtigen. Da ist zunächst das Wunderkind der deutschen Soziologie, das die Grenzen der Disziplin immer weiter überschreitet und zu einem der maßgebenden Großintellektuellen der Epoche wird. Der Sohn aus guter sozialdemokratischer Familie – der Vater SPD-Reichstagsabgeordneter, der Freund Julius Leber, wie dieser im Widerstand –, der zum Liberalen wird. Der Deutsche, der als Wissenschaftler in England reüssiert und als Baron Dahrendorf of Clare Market in the City of Westminister ins Oberhaus einzieht. Der Zeitgenosse, der heute gerne das Beispiel der „Erasmus-Menschen“ beschwört, worunter er den Typus jener Intellektuellen begreift, die – wie seinerzeit Erasmus von Rotterdam – „die großen geistig-politischen Auseinandersetzungen der Zeit verstehen, ja sich aktiv an ihnen beteiligen, aber dennoch nicht der Versuchung erliegen, sich einem Lager hinzugeben“.

Dahrendorf hat seine Spuren in den politischen und intellektuellen Jahresringen dieser Republik eingraviert. Zu deren Ikonografie gehört das Bild, auf dem er mit Dutschke vor der Halle des Freiburger FDP-Parteitags diskutiert. Den Helden der 68er-Revolte hielt er für einen konfusen Kopf; das Foto dokumentiert vor allem Dahrendorfs Engagement in der Bildungspolitik der sechziger Jahre. Überhaupt wurde er eine Galionsfigur der reformerischen Anstrengungen dieses Jahrzehnts. Konsequenterweise endete es für ihn in der Politik. Auch wenn es inzwischen eher kuriose Fußnoten seiner Laufbahn sind, dass er Landtagsabgeordneter in Stuttgart und Bundestagsabgeordneter, Staatssekretär im Auswärtigen Amt und Mitglied der EU-Kommission wurde.

Die öffentliche Debatte verdankt ihm orientierende Leitgedanken, Leuchtzeichen der gesellschaftlichen Analyse und Diagnose: Das vom „Ende des sozialdemokratischen Zeitalters“ gehört dazu, der Gedanke der „Lebenschancen“ als Leitgröße moderner Gesellschaften ebenso wie die Erinnerung an den Wert von „Ligaturen“, Bindungen. Seine Produktivität scheint unerschöpflich, zumindest alle zwei Jahre erscheint ein neuer Dahrendorf. Es sind Zeugnisse einer Grenzgängerschaft zwischen Wissenschaft und Politik, Analyse und praktischem Zuspruch: mit der Leitidee einer zunehmend altliberal gedachten Freiheit als unverzichtbarem Grundstoff einer Bürgergesellschaft.

Und nun, zum hohen Geburtstag, plädiert Dahrendorf im Maiheft des „Merkur“ dafür, den „Pumpkapitalismus“ durch „verantwortlichen Kapitalismus“ zu ersetzen. Und über allen Konjunkturpaketen die Zeit nach der Krise nicht zu vergessen: „In diesen Jahren entscheidet sich, in welcher Welt die nächste Generation der Bürger freier Gesellschaften leben wird.“ Hermann Rudolph


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