Kultur : Raserei der Tugendhaften

Späte Wahrheit: Ein sensationeller Bildband zeigt die Schrecken der chinesischen Kulturrevolution

Christian Schröder

Der Besuch des Großen Vorsitzenden wurde wie die Ankunft eines Gottes erwartet. Anderthalb Millionen Genossen waren aus allen Landesteilen nach Peking geströmt, tagelang versammelten sie sich immer wieder auf dem Tiananmen-Platz. Sie hörten die leidenschaftlichen Reden eifriger Rotarmisten, sie sangen Revolutionslieder und tanzten unermüdlich den „Loyalitätstanz“. Unter ihnen war der Fotograf Li Zhensheng, der mit einer „Rebellengruppe“ aus der Provinz Heilongjiang, Chinas nördlichstem Landstrich, angereist war. Er hatte seine Leica M3 dabei und wollte den Vorsitzenden so fotografieren, wie er ihn von Tausenden Bildern kannte: als glorreichen Triumphator.

Als der Mann, der auch als „Großer Kommandant“, „Steuermann“ oder als „Rote Sonne“ verehrt wurde, endlich erschien, ging ein Jubelschrei durch die Menge: „Lang lebe Mao!“ Li blickte durch den Sucher seiner Kamera und erschrak. Was er sah, war wenig glorreich. Mao saß in einem schnell fahrenden Jeep. Er winkte nicht und lächelte nicht. Er sah ausdruckslos geradeaus. Er hielt die Hände, als ob er applaudieren würde. Aber er applaudierte nicht. Das Foto, das Li schoss, zeigt einen Greis, keinen Gott.

Mao Tse-tungs fünfter Auftritt vor den Roten Garden auf dem Tiananmen-Platz fand am 18. Oktober 1966 statt. Anderthalb Jahre später, am 5. April 1968, fotografierte Li Zhensheng, zurück in der Provinzhauptstadt Harbin, eine andere Menschenmenge. Ein paar hundert Zuschauer waren auf einem Feld zusammengekommen, um der Hinrichtung von sieben Männern und einer Frau beizuwohnen. Sechs der zum Tode Verurteilten waren Kriminelle, die anderen beiden galten als „Konterrevolutionäre“. Sie hatten ein Flugblatt mit dem Titel „Blick Richtung Norden“ veröffentlicht.

Jugendrevolte als Kostümfest

Dort, im Norden, lag die Sowjetunion, deshalb interpretierte das Tribunal das Flugblatt als Propaganda für den „sowjetischen Revisionismus“. Mao hatte die Parole der „Umgestaltung durch Kampf-Kritik“ ausgegeben und zur Ausmerzung aller „Schlangenmonster und Ochsendämonen“ aufgerufen. Den Deliquenten wurden Tafeln mit den Urteilssprüchen um den Hals gehängt, man fuhr sie auf offenen Pritschenwagen durch die Stadt. Sie mussten niederknieen, bevor sie mit einem Schuss in den Hinterkopf getötet wurden. Ein Konterrevolutionär rief im letzten Augenblick: „Diese Welt ist zu dunkel.“

Diese Welt ist zu dunkel: Die chinesische Kulturrevolution gehört zu den düstersten Kapiteln des 20. Jahrhunderts, erst heute lichten sich die Schatten, die über der Epochenkatastrophe liegen. Mao hatte die Prinzipien des Marxismus in der Formel „Rebellion ist berechtigt“ zusammengefasst und damit eine Umwälzung ausgelöst, der ein bis zwei Millionen Menschen zum Opfer fallen sollten. Die Avantgarde dieser Rebellion waren die Roten Garden, die sich an Schulen und Universitäten formierten, um alles zu attackieren, was sie für bourgeois hielten, und den Furor in sämtliche Winkel des Milliardenreichs trugen. Hinter ihnen stand die alte Nomenklatura. Nachdem sein „großer Sprung nach vorn“, die Industrialisierung des bäuerlich geprägten Landes, in einer Hungerkatastrophe endete, hatte sich Mao 1959 aus den Staatsämtern zurückgezogen.

Nun drängte er zurück an die Macht, angespornt von seiner Frau Jiang Qing und Verteidigungsminister Lin Biao. Sein Gegenspieler war der liberale Präsident Liu Shaoqi. Im August 1966 legte Mao bei einer Massenkundgebung auf dem Tiananmen die Armbinde der Roten Garden an und forderte: „Bombardiert das Hauptquartier!“ Liu – er galt nun als „Renegat, Verräter und Lakai des Imperialismus“ – wurde kurz darauf abgesetzt, er starb 1969 unter Hausarrest. Die Gewaltexzesse dauerten bis in die Siebzigerjahre an, erst Maos Tod 1976 und die anschließende Verhaftung der „Viererbande“, zu der auch seine Witwe gehörte, setzten den Schlusspunkt unter die Kulturrevolution.

Die Kulturrevolution folgte einem Aufruf zur Unordnung, paradoxerweise gingen ihre Kader dabei sehr diszipliniert ans Werk. Ihre Spektakel – die Aufmärsche, Schauprozesse, Bilderstürme – hatten etwas Opernhaftes, diese Jugendrevolte war auch ein großes Kostümfest. Nur: Es war ein Theater des Schreckens, bei dem echtes Blut floss. Li Zhensheng fotografierte dort, wo die Parolen zur Wirklichkeit wurden, an der Basis, in der Provinz. Li war 1963, mit 23 Jahren, als Fotoreporter zum „Heilongjiang Tagblatt“ gekommen, der größten Zeitung von Harbin mit einer Auflage von 270000 Exemplaren. Die Fotografen mussten ihre Negative abgeben, Li hielt sich nicht an diese Anweisung. Er schnitt die brisantesten Negative aus den Filmen und versteckte sie in einem Loch im Fußboden seiner Wohnung.

Von 1964 bis 1980 sammelte er rund 10000 Aufnahmen. 1988 lernte Li in Peking Robert Pledge kennen, den Gründer der Fotoagentur „Contact Press“. Erst zehn Jahre später, mit der Niederschlagung des Studentenprotestes auf dem Tiananmen-Platz brach zwischenzeitlich eine neue Eiszeit an, konnte Pledge die Negative nach New York schaffen. Als Lis Fotos in diesem Sommer im Pariser Hôtel de Sully ausgestellt wurden, waren sie eine Sensation, bestaunt von 20000 Besuchern. Unter dem Titel „Roter Nachrichtensoldat“ erscheint jetzt eine Auswahl von rund 330 Bildern, sorgsam kommentiert und mit ausführlichen Erinnerungen des Fotografen versehen, in einer deutschen Buchausgabe (Phaidon Verlag, Berlin 2003, 316 S., 39,95 €).

„Roter Nachrichtensoldat“, so lautet die Übersetzung der fünf chinesischen Schriftzeichen auf der Armbinde, die Li Zhensheng beim Besuch mit seiner „Rebellengruppe“ in Peking verliehen worden war. Die Geschichte der Kulturrevolution ist auch die Geschichte ihrer Missinterpretation. So erkannte die westliche Linke, 1968 selber mit einer Revolution beschäftigt, in den Nachrichten aus dem fernen Osten die Zeichen für das Anbrechen einer neuen, besseren Zeit. Edoarda Masi jubelte 1969 in einem „Kursbuch“-Aufsatz über „Die Familie im alten und im neuen China“: „Die Revolte jedes Einzelnen, der sich unterdrückt fühlte, richtete sich gegen alle Einzel- und Gruppeninteressen und gegen alle Elemente, die sich dem allgemeinen Wohl des Volkes widersetzten. Das Problem der Familie als solches ließ man absterben.“ Peter Schneider dozierte, ebenfalls im „Kursbuch“: „Die Revolution sagt: Enteignet die Hausbesitzer und gebt allen gleiches Recht, in den Häusern zu wohnen, die Kulturrevolution: Lasst uns wenigstens die faschistischen Mietskasernen niederreißen; da sie von der herrschenden Klasse lediglich dazu gebaut wurden, um vermietet zu werden, kann man überhaupt nicht darin wohnen.“ Selbst der „Spiegel“ feierte Mao 1966 und 1967 in zwei Titelgeschichten als „einen der erfolgreichsten Politiker dieses Jahrhunderts, der das schier Unmögliche möglich gemacht hat“.

Anstatt mit Entsetzen reagierte der Westen mit Faszination und Bewunderung auf die „Große Proletarische Kulturrevolution“. Die Brutalität der Roten Garden und ihrer Anstifter zeigt sich nun in Lis Fotos, sie sind das minutiöse Protokoll einer Raserei. „Es war, als hätte eine kleine Flamme ein riesiges Feuer entfacht“, erinnert sich der Fotoreporter an den Sommer 1966. Es kam zu Massenkundgebungen und Demonstrationen in Harbin, „die Stadien waren überfüllt mit gigantischen Menschenmassen, die so lärmten, dass ich sie während meines ganzes Wegs zur Zeitung hören konnte“. Die ersten Attacken des revolutionären Mobs gelten der Religion. Eine russisch-orthodoxe Holzkathedrale wird mit bloßen Händen niedergerissen, im buddhistischen Jile-Tempel werden alle Statuen zertrümmert und die heiligen Bücher verbrannt. Man zwingt die Mönche, ein Banner hochzuhalten, auf dem stand: „Zur Hölle mit den buddhistischen Schriften. Sie sind voller Hundefürze.“

Hexenjagd gegen „Parasiten“

Menschen, die vor öffentlichen Tribunalen als „Parasiten“ und „Abweichler“ vorgeführt werden, mit umgehängten Schildern, Papierhüten und gesenktem Blick: Diese Bilder wiederholen sich. Die Hexenjagd richtet sich gegen Funktionäre, gegen angebliche „Großbauern“ oder „Kapitalisten“, Redakteure und Betriebsleiter. Wer mit dem Leben davonkommt, kann froh sein. Einige Opfer werden mehrere hundert Mal bei den „Kritikversammlungen“ zur Schau gestellt, der Gouverneur sogar mehr als zweitausend Mal. Li lässt sich mitreißen vom Überschwang des Umsturzes, er sieht sich nicht nur als Fotograf, sondern auch als Revolutionär. „Wenn ich die singende Menschenmenge nicht gerade fotografierte, sang auch ich; wenn alle die Fäuste hoben, hob auch ich die Faust.“ Später wird er selber zum Opfer, unter anderem, weil er mit einem indonesischen Brieffreund Briefmarken getauscht hat. Von 1969 bis 1971 wird er mit seiner Frau zur „Umerziehung“ in ein Arbeitslager geschickt.

1976 stirbt Mao, mit 83 Jahren. Li Zhensheng hört die Nachricht in der Redaktion, er ist inzwischen rehabilitiert. „In diesem Augenblick habe ich nichts gefühlt, soweit ich mich erinnern kann.“ Bei der Trauerfeier entdeckt er einen „Modell-Arbeiter“, den er vor Jahren interviewt hat. Er spricht ihn an: „Meister Su, wir sind alle sehr traurig über den Tod des Vorsitzenden Mao. Darf ich ein Foto von Ihnen machen, wie Sie weinen, um zu zeigen, dass Sie ihn vermissen?“ Vergeblich versucht der Modell-Arbeiter, Tränen hervorzupressen. Was Li bekommt, ist das Bild eines tränenlosen, traurigen Gesichts.

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