Kultur : Rattenkuß und Löwentatze

THOMAS LACKMANN

Der Intellektuelle im Schoße der Macht: Am Amtssitz des Bundespräsidenten Roman Herzoglesen Walter Jens und Loriot aus dem Briefwechsel Voltaires mit Friedrich dem Großen VON THOMAS LACKMANN

Der Vorgang lebt von der Illusion.Ohne Hightech und Trickstudio wird gearbeitet, alles ist einfach und altmodisch.Zwei Männer sitzen an einem Tisch und lesen alte Texte.Das Publikum muß auf optische Anreize verzichten und ihren Worten folgen, um etwas zu erleben.Triumph der Einbildungskraft.Ein Politiker und ein Intellektueller denken, der jeweils andere sei das vollkommene Exemplar seiner Spezies, schönste Blüte der Evolution.Jedenfalls drücken sie diese Meinung immer wieder schriftlich aus, um das Spiel der Anziehung über Jahrzehnte zu verlängern.Der eine ist nicht nur Kunstfreund, sondern ein rücksichtslos expansiver Kriegsherr - der andere nicht nur der zeitweilig verfolgte und inhaftierte Vordenker seiner Epoche, sondern reich geworden zuletzt durch Waffenhandel und Geldverleih.In der Korrespondenz, die Friedrich II.und Voltaire über 42 Jahre miteinander führen, spielen solche prosaischen Bereiche ihres beruflichen Fortkommens eine untergeordnete Rolle.Die Umarmung von Kunst und Macht drängt zur Verklärung.Man bedient sich der Konventionen und ihrer gedrechselten Schmeicheleien, aber - in wachsendem Vertrauen - bald auch der Ironie, um Wahrheiten anzubringen.Walter Jens und Loriot haben vor zwei Jahren, inspiriert durch Karin Kiwus von der Akademie der Künste, den Briefwechsel des Monarchen mit seinem Philosophen als Lesung aufzuführen begonnen.Jetzt begegnen sie sich am Amtssitz des Königs von Deutschland, im Angesicht des Bundespräsidenten und seiner geladenen Gäste. Der Saal ist ein Rechteck unter vier gewaltigen Kristallleuchtern, an seinen schmalen Enden prangen - wie zur psychologischen Visualisierung der Antipoden auf dem längsseitigen Podium - zwei monumentale Farbflächen des Berliner Künstlers Graupner.Gelb-Rot gegen Blau-Rosa.Welche Farbe hat die Seele eines Herrschers? Der Akademiepräsident und der Komiker, die sich auf dunkelblaue Krawatten mit weißroten Diagonalstreifen geeinigt haben, beginnen verhalten im Vorhof der Artigkeiten.Jens, der knorrige Franzose, von Bülow, der zierliche Preußenfürst.Sparsam steigern sie die Mimik zum dialogischen Drehen des Kopfes.Je banaler die Themen der alternden Männer sich ausnehmen, desto komischer, anrührender gelingt das schriftliche Gespräch.Zunächst bestimmt noch Begeisterung, einander gefunden zu haben, den Lobgesang und die kokette Reaktion."Daß es auf der Welt einen Prinzen gibt, der als Mensch denkt!" wundert sich Voltaire.Friedrich sei "das Entzücken der Menschen" und werde ihnen "Glückseligkeit schenken".Der Adressat ziert sich: "Sie zeichnen von mir das Bild eines Fürsten, in dem ich mich nicht wiedererkenne." Konsens besteht über die Borniertheit der Glaubenswächter.Spott kommt auf, wenn Voltaire sich über die französische Orthographie des Deutschen oder seine physikalischen Experimente mokiert: Pendelt eine Uhr wirklich schneller im luftleeren Raum? Die Brieffreundschaft wagt sich aus dem Vakuum der Höflichkeit in die emotionale Ansprache.Man sorgt sich um die Arbeitsüberlastung des anderen.Als Friedrich Wilhelm I.stirbt, fragt Voltaire mitfühlend, ob der Soldatenkönig zuletzt die "Vorzüge" des sensiblen Sohnes erkannt habe.Man tauscht Gedichte aus, aber Kriegsarbeit behindert den in der Nachfolge seines Erzeugers zum Machtmenschen gewandelten Schöngeist."Ich bin zu erschöpft, um auf Ihre bezaubernden Verse zu antworten", schreibt jener aus dem schlesischen Feldzug."Wenn nur dieses Phantom, genannt Ruhm, nicht so oft vor mir erschiene...eine Narretei, von der man nur sehr schwer wieder läßt." Der Philosoph stellt dem Imperialisten Gewissensfragen: Ob er "in all dem Ruhmesgerassel glücklich" sei? Zum Desaster der innigen Beziehung aber wird ihr nahes Beieinander in Berlin von 1750 bis 1763.Voltaire läßt eine Schmähschrift gegen den Präsidenten der Wissenschaftsakademie drucken, die der Regent zwar belacht, aber verboten hatte.Das Traktat wird verbrannt, Voltaire in Frankfurt verhaftet, Friedrich fordert wie ein verletzter Liebhaber seinen Gedichtband zurück.Als er, 1757, in höchsten Kriegsnöten an Selbstmord denkt, nimmt er die Korrespondenz mit dem um zwölf Jahre Älteren wieder auf.Die Beschreibung von Altersgebrechen wird in den letzten Jahren zum roten Faden der innigen, respektvollen, frotzelnden Bekundungen.Voltaire nennt sich selbst eine Ratte, die dem geliebten Löwen hilft und ihm, obwohl er ihr eins ausgewischt hat, "in untertänigster Manier die reizende Tatze küßt".Friedrich rühmt nach einem Treffen den aufgeklärten Kaiser Joseph II.: "Weder er noch ich lieben Ignoranten und Barbaren, doch das ist kein Grund, sie auszurotten." Nach dem 14.Gichtanfall ironisiert er die eigene Position: "Daß die Mehrzahl der Militärs faselnd endet, während die Schriftsteller sich besser konservieren." Voltaire preist in seinem letzten Brief vom März 1778 den Absolutisten noch als "Säule der Freiheit in Deutschland".Er selbst hat, 84jährig, seine Form der unabhängigen Verehrung gefunden: "Mehr denn je werfe ich mich Ihnen zu Füßen.Von Herzen hoffe ich, daß sie nicht mehr geschwollen sind." Als Schloß Bellevue 1785 eingeweiht wurde, sagte der Polier ein 22-Strophen-Gedicht auf.Die Rede Roman Herzogs ist nicht viel kürzer, aber launig.Es macht Spaß, im Vergleich zur Vorlage die Lockerheit zu verfolgen, mit der dieser Diener des Staates seinen Text mit improvisierten Akzenten versieht.Der Präsident zitiert aus einem Brief Friedrichs: der Deutsche sage, "was er denkt, ohne sich zweideutiger Worte und entkräftigender Milderungen zu bedienen"; er fügt hinzu: "Sie können sich vorstellen, daß mir solche Worte unglaublich gut gefallen." Er endet ironisch, "daß republikanische Würdenträger heutzutage selbstverständlich ganz anders beschaffen sind - und zwar besser natürlich.Die Gelehrten natürlich auch." Und fügt hinzu, pro domo: "Noch einmal ganz anders sind Würdenträger, die früher einmal Gelehrte waren." Das Vergnügen, mit dem Herzog distanziert auf die eigene Rolle blickt, hat im Umfeld friderizianischer Kunst-Macht-Träume eigenen Reiz.Für Voltaire, die Ratte im Schloß des Löwen, sind an diesem Abend einige Herausgeber Berliner Tageszeitungen zur Stelle, aber auch Theaterleute von Ivan Nagel über Otto Sander und Horst Bollmann bis zur Dürrenmatt-Witwe Charlotte Kerr.Beim Empfang sitzt an einem runden Tisch Stephan Hermlin und trinkt Orangensaft.Seine Anwesenheit ist Beweis der menschlichen Unabhängigkeit präsidialer Protokolle jenseits aller Enthüllungsgewitter.Unter Weizsäcker, so ist vom Team des Hauses zu hören, kamen mehr Künstler ins Schloß; Heiner Müller habe als einziger Whiskey gekriegt; Berliner Politiker generell seien nicht scharf auf Kulturtermine und sagten gern ab.Man mühe sich, ein Publikum zusammenzustellen, das Salon-Atmosphäre ermögliche.Vor Mitternacht löst sich die nicht allzu muntere Versammlung auf, hinter Fensterscheiben blinken in der schwarzen Spree die Sterne, dieser Blick gab einst den Namen: Bellevue."Mir scheint, als würden in allen Ländern die Gehirne austrocknen", hatte der Alte Fritz zuletzt geklagt, da ermutigte ihn der Freund, "daß die Menschen am Ende aufgeklärt und hellsichtig werden".Schöne Aussichten, also doch.

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