Raubkunst : Böser Wille, guter Glaube

Im Umgang mit Raubkunst und Restitution brauchen wir Sensibilität, nicht neue Gesetze - erst recht nach der Entscheidung zum Welfenschatz. Plädoyer eines Rechtsanwalts.

Peter Raue
Kostbares Mittelalter. Der so genannte Welfenschatz stammt aus dem 11. bis 15. Jahrhundert. Er umfasst 42 Reliquienobjekte aus dem Braunschweiger Dom. Er befindet sich im Kunstgewerbemuseum Berlin – wo er nach einer Empfehlung der Limbach-Kommission bleiben und nicht an die Erben jüdischer Vorbesitzer zurückgegeben werden soll.
Kostbares Mittelalter. Der so genannte Welfenschatz stammt aus dem 11. bis 15. Jahrhundert. Er umfasst 42 Reliquienobjekte aus dem...Foto: picture alliance / dpa

Es waren kernige Sätze, die Roland S. Lauder, der Präsident des World Jewish Congress, am 30. Januar 2014 in Berlin in seinem Vortrag am Moses-Mendelssohn-Zentrum von sich gab. „Kunstwerke, welche Juden entwendet wurden durch die Nazis (…), sind die letzten Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges. Raubkunst findet sich überall. Sie hängt in Regierungsbüros, in Museen, in privaten Sammlungen. Einer der Hauptgründe, warum dieses Problem weiter ungelöst ist, liegt im Fehlen eines Rückgabegesetzes. Leider ist den Museen allzu oft jeder noch so fadenscheinige Grund recht und billig, um die Abwanderung eines Kunstwerkes zu verhindern. Es ist nicht Recht, wissentlich gestohlenes Eigentum zu behalten. Man kann doch nicht den Opfern des Holocaust oder ihren Nachfahren auferlegen, Tausende von Kunstsammlungen (…) zu durchforschen, um herauszufinden, was einem vor 70 Jahren entwendet wurde. Deutschland muss bestehende Verjährungsfristen so verändern, dass der Kunstraub des Zweiten Weltkrieges nicht länger verjährt ist. Bayern hat vor kurzem einen Gesetzentwurf vorgelegt, der das ändern will. Wenn das Gesetz wird, kann Unrecht korrigiert werden. Nach 70 Jahren ist es höchste Zeit, dass die letzten Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges ausfindig gemacht und entlassen werden.“

Ich glaube, es ist gut, diese Rede nun kritisch zu reflektieren. Der erste Zorn über die maßlose Übertreibung der Anklage hat sich gelegt, die Diskussion um eine Gesetzesänderung verfeinert. Lauder mischt sich immer dort ein, wo es um die jüdische Frage geht. Sagt Unbequemes. Fordert das Richtige. Trägt das Seine dazu bei, dass das unfassbare Unrecht, das die Deutschen den Juden angetan haben, im Bewusstsein bleibt und, wo es möglich ist, gemildert wird. Von „Wiedergutmachung“ mag ich nicht reden. Deshalb hat seine Stimme Gewicht.

Dennoch glaube ich, dass Lauder über das Ziel hinausschießt. Er erhebt Anklage, ohne hinreichend zu differenzieren, stellt Forderungen nach gesetzlicher Regelung, die vielleicht sogar schädlich sind. Damit ein Missverständnis nicht aufkommt: Der Verfasser dieser Zeilen ist uneingeschränkt dafür, dass Raubkunst, die sich im deutschen öffentlichen Besitze befindet, den Erben der jüdischen Familien zurückgegeben wird, wenn diese Werke im Zusammenhang mit der Judenverfolgung verloren haben.

Diese Rückgabepflicht besteht, gleichgültig, wie wertvoll das jeweilige Werk für den Bestand einer Sammlung ist. Wenn Kunstwerke jüdischen Familien „verfolgungsbedingt“ abhanden gekommen und in den Museen des Bundes, der Länder, der Kommunen gelandet sind, dann sind diese zu restituieren. Doch wenn Lauder Werke der Raubkunst als die „letzten Kriegsgefangenen des Zweiten Weltkrieges“ bezeichnet, so ist das nicht nur eine starke, sondern auch eine schiefe Metapher. Schief nicht nur, weil die meisten Kunstwerke schon vor Beginn des Zweiten Weltkrieges jüdischen Familien geraubt wurden, die im besten Falle fliehen und ihr Leben retten konnten, die Kunst aber zurücklassen mussten. Schief auch, weil Lauders Behauptung, Kunstwerke verbrächten ihre „Gefangenschaft“ in „Regierungsbüros, in Museen und in privaten Sammlungen“ undifferenziert und deshalb unrichtig ist.

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