Raus aus der Nische : Opernfestival Istanbul will mehr als unterhalten

Das nach langem Warten und Bangen endlich losgelassene Ensemble der Deutschen Oper spielt sich beim Opernfestival in Istanbul in einen lebhaften Saison-Kehraus.

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„Minderler, Minderler“, gellen die Rufe der Kissenverleiher durch die geschwungenen Reihen des Cemil Topuzlu Open Air Theaters. Die Sitze sind so hart wie in Bayreuth, am Horizont erstreckt sich der Bosporus, und das „Köfte Büfe“ lädt zur Stärkung ein. Wind und dunkle Wolken sind über Istanbul hinweggezogen. Doch als die Ouvertüre zu Rossinis „Barbier von Sevilla“ erklingt, kennt der Himmel kein Halten mehr. Es schüttet, rote Regencapes wechseln zu Krisentarifen den Besitzer, jede Aktion auf der Bühne wird demonstrativ mit Beifall bedacht.

Nach wenigen Minuten ist der Premierenabend der Deutschen Oper Berlin beim 1. Internationalen Opernfestival Istanbul ins Wasser gefallen. Dirigent Enrique Mazzola evakuiert Noten, Instrumente und Musiker vor der drohenden Flut aus dem Orchestergraben, der gesamte Aufbau wandert zurück in die Container. Das hartnäckige Ringen um eine aufwendige Operninszenierung unter freiem Himmel – umsonst. Die Arbeit von Tagen, das Improvisieren von Regisseurin Katharina Thalbach und ihrem Team – dahin. Während das Publikum eingeladen wird, die Aufführung am nächsten Tag im neuen Kongresszentrum zu erleben, macht sich Niedergeschlagenheit beim Opernensemble breit. Die Kissenverleiher schleifen Säcke mit durchweichten Polstern durch das Amphitheater.

Rückschläge können Yekta Kara nicht so leicht aus dem Gleichgewicht bringen. Die künstlerische Leiterin des Opernfestivals macht seit 30 Jahren Musiktheater in der Türkei, in der es überhaupt erst seit 60 Jahren eine eigene Operntradition gibt. Am Aufbau von Konservatorien und Musikhochschulen waren während der NS-Zeit emigrierte deutsche Pädagogen maßgeblich beteiligt. Kara ist zugleich Chefregisseurin der Staatsoper-Generalintendanz, der sechs Häuser in Ankara, Istanbul, Izmir, Mersin, Antalya und Samsun unterstehen. Ihr Handwerk lernte sie in Deutschland bei Günther Rennert, ihr Verständnis von Regietheater ist eng mit den Namen Götz Friedrich und Harry Kupfer verbunden. 1993 inszenierte sie den ersten Wagner in der Türkei. Für sie steht fest: „Die deutsche Schule soll nach Istanbul“ – und mit ihr Repertoirebetrieb, Ensemblekultur, Regiehandwerk statt italienischem Ausstattungspomp. Nur so lasse sich die Gattung Oper einem breiten Publikum zugänglich machen. „Man darf nicht in der eigenen Nische kleben“, sagt Kara – und betont die assimilierende Rolle von Kultur in der Zuwanderungsmetropole Istanbul, mit ihren geschätzten 15 Millionen Einwohnern, mindestens.

Das Istanbuler Opernhaus im Atatürk-Kulturzentrum ist wegen Renovierung geschlossen – ausgerechnet im Kulturhauptstadtjahr. Der ideale Zeitpunkt, um mit staatlichem Subventionsfluss das Internationale Opernfestival zu gründen. Zwischen Inszenierungen der Türkischen Staatsoper („Entführung aus dem Serail“, „Maometto II“ und „Zaide“) hat Yekta Kara zwei Gastspiele aus Deutschland platziert: Die Oper Bremen mit ihrer Adaption von Fatih Akins Berlinale-Erfolg „Gegen die Wand“; und die Deutsche Oper Berlin mit Thalbachs Inszenierung des „Barbier von Sevilla“.

Die sorgte schon vor ihrer Regenpremiere für Unruhe. Von einem Wachmann erhielt Kara die Meldung, die Mitarbeiter der Oper würden ihr Gastspiel als Bühne für Proteste in eigener Sache missbrauchen. Der Indizienbeweis: handgemalte Spruchtafeln deutscher Sprache auf der Seitenbühne. Sie gehören zur Inszenierung und verkünden Botschaften wie „Masken für alle“ oder „Ich verklage tu!“. Die subversive Kraft von Kunst lässt sich leicht überschätzen in einem Land, in dem per Eilverfahren tausende Websites gesperrt werden können. Und die unbeschwerte, Grenzen überschreitende Urlaubsatmosphäre von Thalbachs Rossini-Regie prallt durchaus auf den türkischen Alltag. Auf den Istanbul vorgelagerten Prinzeninseln mit ihren weißen Holzvillen, beliebten Sommerquartieren der Intellektuellen, scheint Europa weit weg zu sein: Tief verschleiert warten Mütter abseits vom Badetreiben auf ihre Kinder.

Istanbul ist neben dem Ruhrgebiet und Pecs Kulturhauptstadt Europas 2010 – die erste, die in einem Land liegt, das nicht Mitglied der EU ist. Aber je länger Brüssel die Türkei im Status eines Kandidaten festhält, desto mehr macht man sich hier Gedanken, ob man künftig überhaupt nach fremden Regeln spielen will. Angesichts der aktuellen Krise blicken die Türken beinahe zärtlich auf den verfeindeten Nachbarn Griechenland – und finden in den EU-Bürokraten ein neues Angriffsziel.

Zumal, wenn es um Mundraub geht. Der Leibspeise der Istanbuler, dem Kokorec, droht nach EU-Hygienevorschriften der Mülleimer. Der Spießbraten aus Innereien, fest umwickelt mit Lammgedärmen, fettig angebraten und scharf gewürzt serviert, steht für eine Identität, die älter ist als jedes Bewerbungsverfahren. „Kokorec, ohne dich machen’s wir nicht“, singt der Popsänger Mirkelam.

Wie ein Wunder ist es den Technikern der Deutschen Oper gelungen, den „Barbier“ innerhalb weniger Stunden auf die Bühne des neu errichteten Halic Congress Center am Goldenen Horn zu wuchten. Oldtimer, Traktor, Wanderbühnenanhänger – tonnenschwere Aufbauten bewegen sich federleicht im Takt der Ouvertüre, die drohende Gefahr einer konzertanten Aufführung ist gebannt. Im Foyer bilden sich riesige Schlangen lächelnder Menschen, die ihre Tickets umtauschen, um an diesem Abend endlich dabei sein zu können. Gut 2700 werden es später sein. Ein Opernpublikum, wie es jeder Intendant in Deutschland gerne hätte: jung, gebildet, zugewandt. Noch werden 14-CD-Boxen von Leyla Gencer angeboten, der verstorbenen ersten weltweit gefeierten türkischen Operndiva. Bald wird sie ihre Nachfolger gefunden haben.

Das nach langem Warten und Bangen endlich losgelassene Ensemble der Deutschen Oper spielt sich in einen lebhaften Saison-Kehraus. Dem Orchester unter Enrique Mazzola gelingt ein eleganter Budenzauber. In den Ovationen des Publikums glaubt man jedoch einen gewissen Zweifel mitschwingen zu hören, ob Oper nicht auch mehr sein kann als gut gelaunte Unterhaltung. Keine Frage: Istanbul ist hungriger als Berlin. Figaro legt seinen Kamm beiseite und macht endlich auch mal Urlaub: „Da alles nun gelungen, / Wie denk’ daran ich gerne, / Ich lösche die Laterne / Und ziehe mich zurück.“

Das 1. Internationale Opernfestival Istanbul läuft bis 23. Juli. Informationen: www.istanbuloperafestival.gov.tr – Die Deutsche Oper Berlin beginnt ihre Saison am 12. September mit „Pelleas und Melisande“, es dirigiert Donald Runnicles.

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