Kultur : Rauschfreie Zonen

Bodo Mrozek

Bei der Entwicklung der Musik wird der Technik meist viel Aufmerksamkeit geschenkt. Im Pop war die Gitarre demnach so etwas wie die Erfindung des Faustkeils, die Konstruktion des Synthesizers eine Revolution, die ähnlich bedeutend war wie der Otto-Motor für die Geschichte der Fortbewegung. Weniger Aufmerksamkeit kommt in der Musikgeschichte der Chemie zu. Dabei ist beispielsweise der Einfluss des Lysergsäurediethylamids nicht zu unterschätzen.

Entdeckt hat die Substanz, die für Generationen Flucht und Fluch werden sollte, der deutsche Chemiker Albert Hofmann am 16. April 1943. Allgemein kürzte man sie LSD ab, in Konsumentenkreisen sprach man von Acid. Zahlreiche Popsongs führten die drei Buchstaben nicht nur im Titel („Lucy in the Sky with Diamonds“), ins schier endlose gedehnte Musikstücke wollten das Erlebnis des Drogenrauschs hörbar machen. Die Droge wurde erst in den späten Sechzigern verboten, in den achtziger Jahren war Acid wieder da.

Diesmal allerdings als Name einer synthetisch erzeugten Musikrichtung. Acid- House zeichnete sich durch zischende und blubbernde Effekte aus und soll auf seine Hörer ähnlich stimulierend wirken wie Hofmanns Säure. Im Acid-Jazz traf House-Musik auf ältere Hardbop- und Soulstücke, die keiner so gut auflegte wie der britische DJ Eddie Piller . Man darf ihn getrost den Albert Hofmann des Acid- Jazz nennen. Heute ist der Mittvierziger ein gestandener Veteran, zu dessen raren Auftritten in Deutschland jüngere Fans pilgern, um dem Meister ehrfürchtig auf den Plattenteller zu schauen – etwa heute ab 23 Uhr im Roten Salon am Rosa-Luxemburg-Platz. Dort tritt er gegen den gebürtigen Deutschen Dan D. an, der sich mit seiner Londoner Party-Reihe „Darker than Blue“ in die Ruhmeshalle der internationalen Plattenaufleger gespielt hat und in den neunziger Jahren als erster deutscher Soul-DJ nach Tokyo eingeladen wurde. Und im Unterschied zu halluzinogenen Drogen ist die Musik der beiden Großmeister völlig legal und frei von unerwünschten Nebenwirkungen konsumierbar – von einem Zucken in den Beinen mal abgesehen.

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