Rauswurf für rechtsradikales Buch : Bestsellerliste ohne „Finis Germania“

Als das rechtsradikale Traktat "Finis Germania" auf der Sachbuch-Bestenliste auftauchte, gab es einen Skandal. Dann platzierte es sich auf der "Spiegel"-Bestsellerliste. Dort flog es nun raus - weil es antisemitisch sei.

Christian Schröder
Rolf Peter Sieferle, 2005.
Rolf Peter Sieferle, 2005.Foto: Wikipedia/Hans-Jürgen van de Laar. Quelle: Regina Sieferle

Auf der aktuellen Sachbuchbestsellerliste des „Spiegel“ klafft ein Loch. Zwischen Platz 5 (die Humboldt-Biografie von Andrea Wulf) und Platz 7 (das Vogelbuch „Penguin Bloom“) tut sich ein Abgrund auf, jedenfalls in den Online-Versionen der Liste bei Versandhändlern wie Amazon. Auf Platz 6 rangierte noch in der letzten Woche das Traktat „Finis Germania“ des Historikers Rolf Peter Sieferle, erschienen im rechtsradikalen Antaios-Verlag. Mit dubiosen Mitteln hatte „Spiegel“-Redakteur Johannes Saltzwedel das Büchlein auf die Bestenliste von NDR und „Süddeutscher Zeitung“ gebracht – und der Skandal darum brachte es auf die Bestsellerliste. Sieferle hatte sich im September 2016 im Alter von 67 Jahren in Heidelberg das Leben genommen.

Verwandlung zum Menschenfeind

Sein zutiefst kulturpessimistisches Buch besteht aus skizzenhaften Betrachtungen und Eindrücken und strotzt nur so vor provokativen, rechtsextremen und antisemitischen Formulierungen wie "Mythos Auschwitz", "die ominösen sechs Millionen" oder "Schuldstolz". Der einstmals renommierte Umwelthistoriker mit Professur an der Universität Mannheim hatte sich am Ende seines Lebens in einen Geschichtsrevisionisten verwandelt. Einstmals ein überzeugter 68er hatte Sieferle bei Erstliga-Verlagen wie Suhrkamp, Propyläen und Beck veröffentlicht, er schrieb über Marx, den deutschen Konservativismus im Kaiserreich und das Ende des Kommunismus. In Fragen des Klimawandels beriet er die Bundesregierung.

Ermittelt wird die "Spiegel"-Bestsellerliste aus den Umsatzzahlen von 3700 Buchhandlungen. Doch bei Sieferle waren Zahlen zwecklos, die „Spiegel“-Chefredaktion entschied, Sieferles Buch aus dem Wettbewerb zu nehmen. Sie tue dies, heißt es in einer Stellungnahme, „nur in absoluten Ausnahmefällen, aber sie hält das Buch für klar antisemitisch und möchte die Verbreitung nicht unterstützen“. Einen vergleichbaren Rauswurf hat es bislang noch nicht gegeben. Jedenfalls nicht so lange, wie die Erinnerung der jetzigen "Spiegel"-Führungscrew zurückreicht. Allerdings gibt es einige Longseller, die für die Liste nicht berücksichtigt werden, wie die Bibel oder das Bundesgesetzbuch.

Abstiegsangst als Paranoia

Vor kurzem hat die "New York Times" Sieferle als "Deutschlands neuesten Antihelden" gewürdigt. " 'Finis Germania' klingt wie eine vertraute Phase", schreibt der Autor Christopher Caldwell. "In ihr schwingt die Angst - oder Paranoia - vor einem nationalen Abstieg mit, die viel über die Gegenwart erzählt. Deutschland prosperiert, trotzdem gibt es Gründe, warum solche Befürchtungen blühen. Deutschland ist überaltert, das Durchschnittsalter liegt bei 46 Jahren. Die Deutschen scheinen zu verschwinden, sie wollen verschwinden, das ist die These von Sieferle." In dieser Perspektive ist Rechtsradikalismus vor allem ein Problem wütender und zu kurz gekommener alter Männer. Sieferle befürchtet das Aufgehen aller Völker in einer Art Gesamtmenschheit, in der auch die Deutschen verschwinden würden. Finis Germania, oder, in korrektem Latein: Finis Germaniae. Laut der "New York Times" seien in den besten Tagen 250 Exemplare von "Finis Germania" pro Stunde verkauft worden, so die Angaben des Verlags. Damit eroberte das Buch den ersten Platz der Amazon-Bestsellerliste und blieb dort so lange, zwei Wochen, bis die Auflage vergriffen war.

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