Kultur : Regenbogen

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Jan SchulzOjala freut sich auf

die Wahl des schönsten deutschen Worts

Der Deutsche Sprachrat, zusammengesetzt aus der Gesellschaft für Deutsche Sprache, dem Goethe-Institut und dem Institut für Deutsche Sprache, ist eine hochehrwürdige Institution. Er sieht es, so steht’s auf seiner Website www.deutscher-sprachrat.de, „als seine Aufgabe an, durch Sensibilisierung des Sprachbewusstseins die Sprachkultur im Inland sowie die Stellung der deutschen Sprache im Ausland zu fördern“. Wohl unter besonderer Berücksichtigung der Substantive, besonders der zusammengesetzten, möchte man hinzufügen.

Wenn der Deutsche Sprachrat heute in Berlin zur Pressekonferenz schreitet, um zum Wettbewerb um „Das schönste deutsche Wort“ zu laden, dürfte dabei die sprachkulturelle Besonderheit der zusammensetz-, ergänz-, knautsch- oder dehnbaren deutschen Substantive eine herausragende Rolle spielen. „Sternschnuppe“, „Wundertüte“, „Pusteblume“ hat das Gremium selber bereits ins Spiel gebracht, als stecke die Schönheit unserer Sprache im kumulativen Substantivschmuck, nicht in ihrem Kern. Von Adjektiven, Verben ganz zu schweigen.

Schon die Pressemitteilung, in der die Wortmächtigen alle „Muttersprachler“ und „Deutschlerner“ zur Jagd aufs schönste Wort der „sprecherstärksten“ Muttersprache der EU ermuntern, steckt voll schöner eigener Vorschläge. Ist etwa „Deutschlerner“ nicht ein wunderbar sinnliches Wort für all jene, die unsere Sprache als „Nichtmuttersprachler“ zu erobern trachten? Und hat nicht schon der „Sprachrat“ selbst einen Ehrfurcht gebietenden, weil auf knappstmöglichem Raum zusammengesetzten Namen?

Nun kürt, womöglich zum Segen der Blauen Mauritius unter den deutschen Wörtern, der Deutsche Sprachrat nicht selber den Wettbewerbssieger, der zur Belohnung auf die Insel Mauritius reisen darf (wobei eine Fahrt entlang der deutschen Appel-Apfel-Linie sprachpflegerisch gewiss angemessener gewesen wäre). Sondern es sind dies, neben allerlei amtlichen Sprachwarten, etwa die Schriftsteller Christian Kracht und Uwe Timm, der Filmregisseur Joseph Vilsmaier, der Fußballtrainer Volker Finke und der Sänger Herbert Grönemeyer.

Da macht sich der Deutsche Sprachrat aber mal locker. Kracht und Timm? Gebongt!, möchte man ausrufen (wobei das schöne Verb „bongen“ in die engere Auswahl kommen sollte). Auch Finke, Trainer des SC Freiburg und störrischer Nichtproduzent professioneller Worthülsenfrüchte, dürfte gegen die ärgsten Vorschläge von „Muttersprachlern“ und „Deutschlernern“ gefeit sein. Der Vilsmaier Sepp steht wohl für die Mundart-Fraktion, die auch zur Teilnahme ermuntert sein will. Aber Grönemeyer, der wackere „Es tropft ins Herz, mein Kopf unmöbliert und hohl“-Nuschler?

„Wir haben den Regen gebogen“, hat er mal gesungen, worüber man lange nachdenken kann. Wie geht das: den Regen biegen? Oder hat er vielleicht nur das – natürlich zusammengesetzte – Wort „Regenbogen“ poetisch verbogen? Ach, „Regenbogen“: noch so ein Schönsubstantiv, das die Gnade des Deutschen Sprachrats finden könnte.

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