• Regierender Bürgermeister Michael Müller im Interview: „Man schaut nach Berlin und will dabei sein“

Regierender Bürgermeister Michael Müller im Interview : „Man schaut nach Berlin und will dabei sein“

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller ist auch Kultursenator der Stadt Berlin. Im Interview spricht er über Kulturpolitik, den Streit um die Volksbühne, den Doppelhaushalt und die großen Kulturbaustellen der Stadt.

Michael Müller
Michael Müller während des Gesprächs in seinem Dienstzimmer im Roten RathausFoto: Thilo Rückeis

Herr Müller, in Ihren ersten Amtsmonaten kam da wenig, aber jetzt hat man den Eindruck, dass Sie Kulturpolitik ernst nehmen. Haben Sie die Kultur angenommen?
Selbstverständlich nehme ich die Kultur ernst, von Anfang an. Das ist wichtig für die Stadt. Die Kultur fordert mich, auch inhaltlich, aber sie macht mir auch Spaß. Ich bin gern Kultursenator.

Man sagt das immer so: Kultur ist wichtig für Berlin. Was bedeutet das?
Kultur bereichert uns, menschlich, intellektuell, aber eben auch ökonomisch. Die Hauptstadt wird besonders durch ihr kulturelles Leben und ihren kulturellen Anspruch wahrgenommen. Von Berlin werden Aufsehen erregende Neuigkeiten nicht nur erwartet, sie kommen auch. Vieles von der positiven Entwicklung Berlins haben wir der Kultur zu verdanken.

Was umfasst der Begriff Kultur genauer?

Es geht natürlich um die kulturellen Einrichtungen, das Sichtbare, das, was Berlin-Besucher frequentieren – die Museumsinsel, die Opern, die Galerien. Wenn wir aber über unser Zusammenleben reden, geht es um Kiezkultur, die Freie Szene. Gerade auch das Unfertige, Spontane macht Berlin aus.

Die Gewinner im neuen Doppelhaushalt sind allerdings die großen Häuser. Da fließt das Geld hin, da setzen Sie Akzente.
Es ist richtig, dass die großen staatlichen Institutionen vom finanziellen Spielraum profitieren, den wir uns in den letzten Jahren erarbeitet haben. Der Tarifausgleich wird anteilig gezahlt, manche Altlast beseitigt. Aber wir machen auch einen wichtigen Schritt zur Finanzierung der freien Szene, die zu Recht ihre Ansprüche stellt.

Verlierer sind die Kinder- und Jugendtheater, sie bekommen kaum mehr – überraschend bei einem SPD-geführten Senat.
Es geht hier um ganz unterschiedliche Probleme. Das Grips Theater bekommt ja mehr, aber nicht so viel wie gefordert. Beim Theater Strahl ist die Gebäudesituation schwierig, und das Atze Musiktheater steckt in einer juristischen Auseinandersetzung um Sozialversicherungsbeiträge, da können wir gar nicht eingreifen. Wir müssen bei diesem Thema noch einmal an die Arbeit gehen, man hat das auch im Parlament erkannt. Im Moment ist die Situation für die Kinder- und Jugendtheater tatsächlich nicht einfach.

Für die Volksbühne ist die Situation glänzend. Chris Dercon, der designierte Intendant, wird äußerst komfortabel ausgestattet, gut zwei Millionen Euro allein für die Vorbereitungszeit. Alles auf Dercon?

Nein, wir nehmen den anderen ja nichts weg. Alle bekommen mehr, allerdings unterschiedlich mehr. Bei der Volksbühne gab es einen schwierigen Vorlauf. Da muss ich selbstkritisch sagen: Wir hätten unsere Vorstellungen und die Intendantenauswahl früher und umfassender kommunizieren sollen. Chris Dercon ist ein hoch angesehener Kopf, der als Intendant eine hervorragende Arbeit leisten wird. Wir machen finanziell deutlich, dass die Volksbühne nicht angetastet, sondern eine der großen, tonangebenden Institutionen in Berlin bleiben wird. Wir haben mit Dercon einen Rahmen verabredet, natürlich wird das angepasst, wenn sich die Bedingungen ändern.

Haben Sie die Heftigkeit, ja Bitterkeit der Auseinandersetzung um die Nachfolge von Frank Castorf unterschätzt?
Vielleicht wollten einige mal austesten, wie weit sie mit dem neuen Kultursenator und Regierenden Bürgermeister gehen können. Die Heftigkeit hat mich überrascht, sie war so nicht gerechtfertigt. Aber daraus haben wir auch gelernt. Kulturstaatssekretär Tim Renner und auch mir ist viel unterstellt worden, aber ich denke, man hat in den zurückliegenden Monaten gesehen, dass die Kultur in Berlin von unserem Engagement profitiert und man da keine Angst haben muss.

Die Volksbühne ist kein Haus wie andere. Es hat mit Castorf Weltgeltung erreicht. Es prägte die Menschen und die Stadt.

Nach über 20 Jahren muss es aber trotzdem möglich sein, auch an der Volksbühne eine Veränderung umzusetzen. Ohne den künstlerischen Anspruch infrage zu stellen. Darum ging es uns. Wir nehmen den Maßstab, den die Volksbühne gesetzt hat, und entwickeln das weiter – die unterschiedlichen Spielorte und Medien, die unterschiedlichen Köpfe. Castorf hat auch nicht alles selbst gemacht. Video, Tanz, Musik, das spielt schon jetzt an der Volksbühne eine Rolle. Es gab eine besondere Sensibilität für das Haus, denn es hat beim Zusammenwachsen der Stadt eine wahnsinnig wichtige Rolle gespielt.

Hat sich die Ost-West-Geschichte inzwischen nicht weitgehend erledigt?

Nein, auch wenn das Thema vielleicht nicht mehr den gleichen Stellenwert hat. Übrigens hatten auch die zehn Jahre des rot-roten Senats einen hohen Anteil daran, dass Mentalitäten zusammengekommen sind. Jetzt treten andere Themen in den Vordergrund, Migrationsgeschichten zum Beispiel. Schauen Sie nur, mit welchen Fragestellungen das Maxim Gorki Theater arbeitet, wie das Ensemble sich dort zusammensetzt. Das ist Ausdruck einer neuen Phase in Berlin, von neuen Perspektiven auch in der Kulturszene.

Lassen Sie sich im Theater lieber unterhalten oder wollen Sie es gern politisch?

Beides genieße ich. Ich entspanne gern, gerade im Konzert oder in der Oper. Im Schauspiel ist es anders, neulich etwa im HAU bei She She Pop und ihren Ost-WestGeschichten. Da setzt man sich auch mit eigenen Erinnerungen auseinander.

Sie suchen neue Kulturchefs im Ausland, den Belgier Chris Dercon, der aus London kommt, oder Paul Spies aus Amsterdam, als künftiger Leiter des Stadtmuseums. Wollen Sie hier Strukturen aufbrechen?

Ich glaube, das ergibt sich einfach in dieser neuen Phase Berlins. Es ist ein natürlicher Austausch und inzwischen eine selbstverständliche Bewerbungssituation. Man schaut nach Berlin, will dabei sein in den nächsten zehn spannenden Jahren. Paul Spies hat gesagt: Alle wollen nach Berlin, ich auch. Es sieht eben auch finanziell wieder besser aus.

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