• Reif für die Mülltonne - Nicht nur in Berlin, auch in New York erregt sich die Politik über seine Kunst

Kultur : Reif für die Mülltonne - Nicht nur in Berlin, auch in New York erregt sich die Politik über seine Kunst

Gerald Echterhoff

Wenn Kunst ihren ästhetisch definierten Rahmen verlässt und sich gesellschaftlichen oder politischen Problemfeldern zuwendet beziehungsweise ausssetzt, dann ist das allemal bemerkenswert. Der 1936 in Köln geborene Hans Haacke - ein Konzeptkünstler der allerersten Stunde - machte so mehrfach auf sich aufmerksam: kürzlich durch sein "Kräutergarten"-Projekt für den Reichstag und nun auch mit seiner Installation "Sanitation" in der renommierten Whitney Biennale in New York. Auf der Rückwand eines weitgehend abgedunkelten Raumes sind in Frakturschrift, die bis 1941 in Nazideutschland Teil des offiziellen Staatsdesigns war, Zitate von New Yorks Bürgermeister Rudolph Giuliani sowie von drei konservativen Meinungsführern abgebildet, die in ihrem Grundtenor darauf hinauslaufen, zeitgenössische Kunst sei in vielen Fällen verderbt und der Förderung durch öffentliche Mittel unwürdig. Giuliani hatte im vergangenen Herbst Missfallen an einer grossen Ausstellung provokativer britischer Kunst unter dem Titel "Sensation" im Brooklyn Museum of Art gefunden, die unter anderem die von Chris Ofili aus Elefantenkot gefertigte Skulptur der Jungfrau Maria enthielt, durch die sich Anhänger des christlichen Glaubens verletzt gefühlt hatten.

Der Bürgermeister, der durch seine streng durchgesetzte, puritanisch inspirierte Quality of Life-Kur für New York mittlerweile über die Stadtgrenzen hinaus bekannt ist, konnte nur durch breite öffentliche Solidaritätsbekundungen davon abgehalten werden, der Institution die nicht unerheblichen Zuschüsse der Stadt vollständig zu sperren und die Ausstellung absetzen zu lassen.

In Haackes Installation hingen zwischen den kunstfeindlichen Zitaten - nach abnehmender Grösse sortiert und einander teilweise verdeckend - drei amerikanische Flaggen; die vordere und kleinste scheint halb heruntergerissen zu sein. Davor sind einige Reihen schwarzer Abfalltonnen platziert, deren Deckel so weit aufgeklappt sind, dass sie den Eindruck gierig aufgerissener Schlünde erwecken. Rhythmisches Stampfen marschierender Soldaten ist aus Lautsprechern zu hören. Zu Füssen der dunklen Phalanx der Müllschlucker liegt eine schmal gerahmte Tafel, auf der eine vergrösserte Faksimile-Kopie des sogenannten "First Amendments" der US-amerikanischen Verfassung angebracht ist, das unter anderem das Recht auf die Freiheit der Meinungsäußerung formuliert und als Grundkonstante des amerikanischen Demokratieverständnisses unumstritten ist.

Der Vorwurf, das First Amendment nicht zu achten, ist in den USA einer der schärfsten, dem der politische Gegner ausgesetzt werden kann. Er verfehlt seine Wirkung in der Regel nicht. Inmitten einer Menschentraube und begleitet von Blitzlichtgewittern, wie es sonst bei Auftritten von Politikern oder Popstars der Fall ist, stellte sich Haacke bei der Ausstellungseröffnung in New York nun den Fragen der Journalisten. Diese wollten vor allem erfahren, wie er sich zu dem Vorwurf äußern würde, seine Arbeit trivialisiere den Holocaust und stelle gegenwärtige Bestrebungen, provokative Kunst zu zensieren, unbedacht in eine Reihe mit den Verbrechen Nazideutschlands. Kommentare dieses Kalibers stammten von Giuliani selbst (der sich im Herbst gegen Hillary Rodham Clinton im Kampf um einen Senatorenposten durchsetzen möchte), von der amerikanischen Anti-Defamation League sowie von Marylou Whitney, einer Schwiegertochter von Gertrude Vanderbilt Whitney, der Gründerin des Museums.

Während das Boulevardblatt "New York Post" Haackes Arbeit kurzerhand den Status eines Kunstwerkes aberkannte und sie lediglich als eine Art Wahlkampfplakat durchgehen ließ, wurde Marylou Whitney mit den harschen Worten zitiert: "Gertrude würde sich im Grab umdrehen." Offizielle Vertreter des Whitney Musems hingegen, darunter der Direktor und das Kuratorium, versicherten, in mehr oder weniger zerknirschtem Tonfall, dass sie zwar über die mögliche Missverständlichkeit des Werkes nicht glücklich seien, aber nie an eine Ausladung Haackes gedacht hätten. Schließlich sei es die vornehmste Pflicht eines (amerikanischen!) Museums, die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks niemals zu beschneiden.

Haacke indes verhielt sich angesichts des großen Medienaufgebots eher einsilbig, und erklärte, die Medien hätten aufgrund unvollständiger Informationen vieles falsch interpretiert. Die einzige Parallele zur Politik des nationalsozialistischen Deutschlands bestünde just in der Sprache, derer sich die amerikanischen Konservativen bedienten. Seine Installation leugne somit keineswegs die Einzigartigkeit des Holocaust.

Sicher gibt es eindrucksvollere Arbeiten Haackes - wie etwa den verwüsteten "Germania"-Pavillon auf der Biennale von Venedig 1993. Die amerikanische Universalwaffe "First Amendment" aber hat er in "Sanitation" klug und durchaus zu seinen Gunsten eingesetzt. Den inneren Kreis der Kunst jedenfalls hat Hans Haacke einmal mehr durchbrochen.

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