Kultur : Reine Poesie

Ulrich Clewing

Der Fotograf Bernd Becher hat einmal zu seinen Studenten gesagt, wenn sie wirklich etwas lernen wollten, müssten sie sich Bilder von Stephen Shore anschauen. Eine Bemerkung, die allerdings weitgehend folgenlos blieb. Denn Shore hasst große Bildformate. Shore würde auch nie ins Museum oder auf Rockkonzerte gehen, um zu fotografieren. Und Computer sind für seine Arbeit ein Tabu. Was der 1947 in New York geborene Künstler tut, ist derzeit in der Galerie Kicken zu besichtigen. Eine kleine Auswahl von Werken aus den 70er Jahren, Fotos wie „Cumberland Street, Charleston, South Carolina, August 3, 1975“: Eine unspektakuläre Straßenszene, die bei näherer Betrachtung ein atemberaubendes Volumen annimmt. Da ist alles drin, was die abendländische Kunst ungefähr seit der italienischen Frührenaissance umtreibt – Passion, Perspektive, Komposition, Kolorit, Mimesis. Ein weiterer Grund, warum man sich so fasziniert in Shores Bilder vertieft, sind ihre geringen Maße. Die nämlich bewirken, dass seine Fotografien so gestochen scharf sind. Beim Belichten wird das Negativ der Plattenkamera direkt auf das Fotopapier gelegt, was bedeutet, dass keine Bildinformation verloren geht. What you get is what you see. Beziehungsweise sogar mehr als das, denn die Kamera sieht bekanntlich besser als unser Auge (Showroom II, Linienstraße 155, Di-Sa 14-18 Uhr, bis 24. Juni, Preise auf Anfrage).

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Unter den vielen wundervollen Dingen, die die Fotografie vermag, ist die Abbildung und gleichzeitige Aufhebung von Zeit nicht das Geringste. Nahtlose Überleitung zu Idris Khan , einem 1978 in Birmingham geborenen Künstler, den Thomas Schulte entdeckt hat (Charlottenstraße 24, Sa 11 – 18 Uhr, bis 13. Mai). Neben einer Serie von Bildern, die sich auf Eadweard Muybridge beziehen, hängt in Schultes neuen Galerieräumen ein großes weißes Bild, auf dem schwarze Tupfer eine Art dahingehauchten Blumenstrauß ergeben. Dabei handelt es sich um Karl Blossfeldts sämtliche „Naturformen“-Arbeiten, nur übereinander gelegt (Auflage 6, 15000 Euro). Sozusagen die Summe aller Blossfeldts. Minus die Zeit – die Jahre und Jahrzehnte, die damals nötig waren, um der irrlichternden Schönheit der Natur zu ihrem Recht zu verhelfen.

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