Kultur : Reise ohne Rückfahrkarte

FREDERIK HANSSEN

Ashkenazy dirigiert Elgars Oratorium "Dream of Gerontius"VON FREDERIK HANSSENDie "Pomp & Circumstance-Marches" haben ihm ewigen Nachruhm gesichert, "Land of Hope and Glory" wurde gar zur heimlichen zweiten Nationalhymne der Briten - wie bei der "last night of the Proms" alljährlich eindrucksvoll zu besichtigen.Doch Edward Elgars Hauptinteresse galt einem ganz anderen "Land der Hoffnung und des Ruhms": In seinen großen Oratorien schaute der ehrgeizige Musikalienhändlerssohn aus der Nähe Worchesters über die endlose Weite des britischen Empire und die bedrückende Enge gesellschaftlicher Konventionen der Jahrhundertwende hinaus gen Himmel.In seinem bekanntesten Oratorium "The Dream of Gerontius" wagte er sich gar an die Beschreibung des Seelenweges vom Tod bis vor den Thron Gottes: Nach dem Vorbild der "Göttlichen Komödie" Dantes - und im Geschmack von Gustave Dorés Bebilderung derselben - wandelt ein frommer alter Mann singend durch die Himmelsräume.Hatten die Komponisten bis dato entschwebenden Seelen lediglich den Text des Requiems mit auf den Weg gegeben, wendet Elgar das Genre ganz zeitgemäß ins Individuelle und folgt seinem Gerontius in die himmlischen Sphären - als guter Christ freilich, ohne sich von Ihm musikalisch ein Bildnis zu machen.Der am 3.Oktober 1900 uraufgeführte, fast zweistündige "Traum des Gerontius" ist ganz auf jene gigantischen Chorfeste zugeschnitten, wie sie in Großbritannien damals beliebt waren und noch heute sind.Ein Oratorium für die überreich dekorierten viktorianischen Kathedralen, Musik für einen "Christian Palace".Für die Aufführung in der Philharmonie hatte die Rundfunkorchester und -chöre GmbH dann auch an die 200 Mitwirkenden aus den eigenen Reihen zusammengetrommelt: das Deutsche Symphonie-Orchester, den RIAS-Kammerchor und den Rundfunkchor, dazu hochkarätige Solisten.Robert Gambills heldischer, etwas monochromer Tenor hatte für einen Sterbenden vielleicht sogar zuviel Strahlkraft, Petra Lang führte ihn mit der sanften Reinheit eines Mezzosopran-Engels durch überirdische Gefilde, Alastair Miles lieh dem Priester wie dem Todesengel seinen aristokratischen Baß.Elgar lag besonders viel an der dramatischen, fast opernhaften Seite der Partitur - Vladimir Ashkenazys Interpretation hätte ihm viel Freude bereitet: Mit Blick für die Strukturen, fast "philosophisch" organisierte er die Klangmassen, ließ die enorme orchestrale und chorale Kraft nie in Bombast umschlagen.Ganz von innerem Leuchten erfüllt waren die "himmlischen Momente": Die Streicher des DSO beeindruckten hier durch einen äußerst dichten und geschmeidigen Klang, die Engelschöre schwangen sich auf zu schwebenden Sphärenklängen.Schade nur, daß an diesem spannenden Abend so viele Plätze in der Philharmonie leer blieben.War das vorsommerlichen Wetter Schuld - oder sollte das Berliner Publikum tatsächlich so wenig an Entdeckungen interessiert sein, wie die Intendanten immer beklagen?

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