Kultur : Reise zum Anfang der Nacht

Er war schon immer alt. Heute wird er wirklich 70. Hommage an den Dichter Leonard Cohen

Rüdiger Schaper

There is a crack, a crack in everything. That’s how the light gets in („Anthem“, aus dem Album The Future).

Ein neues Studioalbum von Cohen ist angekündigt für den 25. Oktober, „Dear Heather“. Ein neues Cohen-Album? Kann das noch einmal sein? Nun, man stellt fest, die Instinkte, die einen leiten, seit man weiß, was eine Platte ist, ein Plattenspieler und ein Song, sie sind intakt. Es wird Herbst, und man wird sich den Abend freihalten. Es hat etwas mit sentimentaler Loyalität zu tun und vor allem damit, dass Cohen gewissermaßen das Recht der ersten Nacht genossen hat, über eine so lange Zeit. Seine hypnotischen Lieder wirkten wie Sex, auch wenn und weil das erste Mal noch ein bisschen auf sich warten ließ. Und schon, „Love Calls You By Your Name“, kriechen die alten Zauberstücke aus ihren Verstecken, entfalten ihre so oft dreivierteltaktigen Melodien, ihre Poesie zerwühlter Betten und zerlesener Bibeln, zugleich still und dröhnend, einprägsam und enigmatisch.

Es ist etwas Seltsames mit der deutschsprachigen Lyrik und unserem eigenen kleinen Bildungsroman. Verse von Rilke, Brecht (und danach? wer kann etwa Durs Grünbein memorieren?!) sitzen, von Gedächtnismotten angefressen, in den zerebralen Speichern. Cohens Reime haben ihren lebenslangen Platz woanders: im Herzen und dort, wohin einem das Herz gelegentlich rutscht.

Cohen, der Troubadour. Im späten 20. Jahrhundert verstummten, gemessen an ihrer Resonanz, die Dichter, wenn sie nicht mit der Gitarre bewaffnet und vom Pop verstärkt auftraten. Leonard Cohen ist dafür der eine Kronzeuge, Bob Dylan der andere. Beide sind sich Ende der Sechziger zum ersten Mal im Umkreis der legendären Sex- & Rock- & Drogenhöhle des Chelsea Hotel in New York begegnet und haben einander stets mit der größten Wertschätzung betrachtet. Cohen wurde nachher der Matisse, Dylan der Picasso des Pop genannt.

Man kann seine unschuldige Jugend mit einer schlechteren Frage verbringen als dem faustischen Zwei-Seelen-in-einer-Brust-Problem, wer denn der Größere sei, Dylan oder Cohen. John Hammond, der berühmte Headhunter von Columbia Records, hat einmal gesagt: „Wenn aus einem Sänger, wie in Dylans Fall, ein Dichter werden kann, warum soll aus einem Dichter, wie in Cohens Fall, kein Sänger werden können?“ Eine Zeitlang teilten sich Dylan und Cohen auch den Produzenten, Bob Johnston. Auf dessen famoser Liste stehen die Dylan-Alben „Blonde on Blonde“ und „Nashville Skyline“, Cohens „Songs from a Room“ und „Songs of Love and Hate“ (und epochale Werke von Johnny Cash und Simon and Garfunkel).

Sänger und Dichter: Cohens Stimme, sagen wir’s mit einem Wort, ist eine Segnung. Schwarzes Licht. So unnachahmlich (wie auch Dylans Organ), dass man sie noch im komatösen Zustand erkennen würde. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Dylan, der unermüdliche Selbsterfinder und Wiedergänger, in diesem freundschaftlichen Wettbewerb obsiegt hat. Inzwischen wird er, nicht Cohen, als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt und ist Gegenstand seriöser Literaturwissenschaft.

Des Dichters musikalische Karriere gleicht einem Kampf um den genuinen Cohen-Sound. Schwerste Zweifel und Depressionen haben die Arbeit an seinen Alben begleitet. „Death of a Ladies’ Man“ von 1977 markierte den absoluten Tiefpunkt: als Cohen mit dem Kitsch-Großmeister Phil Spector ins Studio ging. Der Dichter wurde zugeschüttet mit fetten tonalen Schmusedecken. Es waren Dylan und Cohen, die das Literarisch-Lyrische in die Pop-Musik gebracht haben. So wie Shakespeare das Theater reliterarisiert hat. Aus diesem „Tower of Song“ (so der Titel eines Cohen-Stücks von 1988) kommt die zeitgenössische Lyrik kaum mehr heraus, glücklicherweise. Denn dies ist kein Elfenbeinturm.

And you want to travel with him/And you want to travel blind/And you think maybe you trust him/For he’s touched your perfect body with his mind. („Suzanne“, auf: Songs of Leonard Cohen).

Heute feiert der kanadische Jude osteuropäischer Abstammung aus Montreal, dessen stärkster Einfluss der spanische Dichter Federico Garcia Lorca war und der jahrelang in einem kalifornischen Zen-Kloster gelebt hat, seinen 70. Geburtstag. Ein Datum, ein Alter, das diverse Schockwellen auslöst. Cohen ist der Erste aus der ersten Reihe, der das achte Lebensjahrzehnt betritt. Dylan, Jagger, die übriggebliebenen Beatles tänzeln auf Mitte Sechzig zu. Jim Morrison, auch er ein Poet, wäre in diesem Jahr 61. Elvis würde im kommenden Januar 70 . . .

Cohen, der auratische Mann mit dem „Famous Blue Raincoat“, war immer schon irgendwie alt, uralt, älter als die anderen, nicht nur biologisch. Cohen hat sich, noch als Vierzig- und Fünfzigjähriger, jünglingshafte Düsternis bewahrt. Erste Lieben, letzte Dinge: Ewige Jugendqual gehört zum Image dieses exotischen Ehrengastes der Popwelt, der Kabbala und Koitus auf sein Banner schrieb und sich selbst mit beißender Ironie (in „Field Commander Cohen“) als politischen Versager bezeichnete. Man hat ihn (und mit ihm auf dem Plattenteller) glühend geliebt, hat seine Texte eingesogen, und irgendwann ist er einem abhanden gekommen. Keine Konzerte mehr (wie höflich, konzentriert, bescheiden und überwältigend war er auf der Bühne!), immer spärlicher die Plattenveröffentlichungen. Rückzug ins Kloster. Das vor drei Jahren erschienene Album „Ten New Songs“ klang wie ein geflüsterter, brüchiger Nekrolog aus Cohens eigenem Mund. Er schien die Zeit zurückgedreht zu haben. Die Musik fiel wieder von seinen Texten ab, man hörte: Sprechgesang mit monotoner elektronischer Stütze.

Und „Suzanne“? Es gab in Cohens Leben wohl zwei. Eine (verheiratete) Geliebte und eine andere, die Mutter seiner beiden Kinder. Suzanne, sie war unsere Laura, unsere Beatrice, jedermanns Muse. Sie sei „halb verrückt“, singt Cohen, und das Verrückte ist: Plötzlich, in der zweiten Strophe, erzählt er seine Passion von Jesus, der ein „Seemann“ war, als er übers Wasser lief, und dass alle Menschen Seeleute werden und ertrinken müssen, um Erlösung zu finden.

„Suzanne“, das Hohelied des Pop, war der erste Song auf Cohens erster Platte aus dem annus mirabilis 1968. Zuvor hatte der „Lost Canadian“ (Titel eines Traditionals, das er 1979 aufnahm) ein halbes Dutzend Gedichtbände und Romane veröffentlicht. Dort finden sich, wie in einem Steinbruch, die unverkennbaren Cohen-Motive: die Geschichte des etwas klein geratenen, schüchternen Jungen, der sich nach Mädchen verzehrt. Der zu schreiben begann, um Mädchen zu beindrucken. Und um zu begreifen, was mit den Menschen in der Generation seiner Eltern geschah: der „Dachau-Generation“. Das alles war lange vor der Zeit, als wir Cohen entdeckten. Pop-Musik wurde sein zweiter Anzug. Aus dem er nun auch herausgewachsen scheint.

Eine Geburtstagshommage soll nicht wie ein Nachruf klingen. Aber wie auch nicht – bei der Cohen’schen Morbidezza, der ewigen postkoitalen Melancholie und dieser unwiderstehlich koketten Würde, mit der er seine Attitüden und amourösen Missetaten bereits 1969 in „Bird On A Wire“ feierte. Das ist womöglich, nach allem, der größte Schock: Wir haben uns Leonard Cohen heute in seinem Haus in Los Angeles als glücklichen Menschen vorzustellen. Luzifer in der Stadt der Engel. Leise. Weise.

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