Reiseeindrücke aus Irans Hauptstadt : Riding free in Teheran

Das Berliner Haus für Poesie schmuggelt Gegenwartslyrik in den Iran. Eindrücke eines außergewöhnlichen Städtetrips – mit Versen im Gepäck.

Jan Volker Röhnert
Imposante Kulisse. Der 5600 Meter hohe Damavand im Sonnenaufgang.
Imposante Kulisse. Der 5600 Meter hohe Damavand im Sonnenaufgang.Foto: REUTERS

„Ich fürchte, genau dort blühte das schönste Rosenrot / Wo ein grauenvoller Herrscher säte tausendfachen Tod. / Die Hyazinthen neigen sich mit ihren Stielen / Über Wiesen, auf denen eben noch die Köpfe fielen.“ Teheran könnte die Welthauptstadt der Poesie sein, wenn man sieht, wie sehr noch die ältesten Dichter mit ihren Versen den Alltag durchziehen – etwa Omar Khayyam, nach dem eine Teheraner Metro-Station benannt ist; seine Vierzeiler (Rubaiyat), wie hier Nummer 19, auswendig zu können und aufzusagen, gehört in Iran zum guten Ton. Klassische Dichternamen wie Hafis, dessen Grab in Shiraz wahrscheinlich die schönste Poesie-Pilgerstätte der Welt ist, oder Saadi, Rumi und Ferdusi sind ebenso im Metronetz Teherans präsent.

Hafis-Verse werden in den U-Bahn-Zügen von bettelnden Kindern, die selber wohl Analphabeten sind, als Glückslose feilgeboten, unser Hotel wurde nach dem Dichter Babataher benannt. Vor 1979 waren im seinerzeitigen Mermaid bereits die Rolling Stones abgestiegen. Von der sechsten Etage sieht man auf den schneebedeckten, 5600 Meter hohen Damavand, der Teheran mit dem Alborz-Gebirge als gigantische Kulisse nordwestlich umrahmt und für die persische Poesie eine ähnliche Rolle spielt wie für die japanische der Fujijama.

Ein kaum zu überschauender Menschen- und Ideenmagnet

Als wir Anfang Mai in Teheran eintreffen, um die Dichter, mit denen wir uns vergangenen November in Berlin im gegenseitigen Übersetzen übten, wiederzusehen und die gemeinsame Anthologie unserer Gedichte auf der Teheraner Buchmesse zu präsentieren, schießen Scharen von Mauerseglern zwischen Baugerüsten und Hochhausfassaden hindurch und über das Gebirge der Dachterrassen hinweg, ohne sich um den Smog zu kümmern, den die Autos in den hoffnungslos verstopften Straßen produzieren. Teheran ist ein Moloch und mit 14 Millionen Einwohnern ein kaum mehr zu überschauender Menschen-, Waren- und Ideenmagnet des Nahen und Mittleren Ostens. Im üppigen Kronleuchter des Glas- und Keramikmuseums nistet eine zartgliedrige helle Brunnentaube; auf dem Basar werden Singvögel wie Stieglitz und Nachtigall in Käfigen feilgeboten – eine Liebe zum Gesang, die hierzulande keiner mehr tolerieren würde.

Die Teheraner U-Bahn ist einer der besten Orte, um etwas über den aktuellen Iran zu erfahren, was den Bildern und Klischees von Mullahs, Moscheen, Schleierzwang und sturer Gleichschaltung widerspricht. Die ausschließlich Frauen vorbehaltenen Waggons an der Spitze und am Schluss der Züge könnten fern von Diskriminierung gar eine feministische Erfindung sein: In der Mitte, wo alle Geschlechter sich aufhalten dürfen, herrscht zur Rushhour entsetzliches Geschiebe und Gestoße, während die Frauen in ihren Abteilen davon nicht betroffen sind. Doch ist es in der Mitte proppenvoll, kann es sein, dass auch Männer sich in die Frauenabteile mit scheuen Anstandsblicken hineinverirren. Gespräche kommen hier wie da und zwischen den Abteilen ohnehin im Handumdrehen zustande, zumal wenn man als reisender Ausländer identifiziert worden ist. Ein paar Worte genügen, um sie in Gang zu bringen. Und es sind keineswegs nur die Männer, die ihrer Neugier freien Lauf lassen. Während der Woche im Iran, auf der Buchmesse, in der Buchhandlung „BookCity“, unterwegs in Teheran, im angrenzenden Karaj, im schönen Kashan und in Shiraz war ich mir bald nicht mehr sicher, ob das verordnete Kopftuch nur als Symbol der Unterdrückung gedeutet werden kann – jedenfalls haben insbesondere die jungen Frauen es verstanden, die Kleiderordnung mit erotischen Attributen zu unterwandern, ohne dabei offizielle Vorschriften zu brechen.

Der Wunsch, mit der Welt in Kontakt zu treten, ist mächtig

Die Neugier auf Deutschland, Frankreich und das übrige Europa ist groß, wie auch die Resonanz auf die Lesungen uns spüren ließ. Gespräche über persische und deutsche Poesie endeten meist mit Freundschaftsanfragen auf verschiedenen Internetforen. Anstelle von Whatsapp wird die Plattform Telegram bevorzugt und von einem Viertel aller Iraner frequentiert. Der Wunsch, mit der Welt in Kontakt zu treten und sich seiner persönlichen Freiheit allen Beschränkungen und Schikanen des Regimes zum Trotz zu vergewissern, ist mächtig. Vielleicht lassen sich dadurch noch Berge versetzen.

Unvergesslich die Nacht der Ankunft am Flughafen des Teheraner Molochs, als uns die Freunde mit vertonten Versen Rumis in den Boxen durch die von Abgasen verpesteten Vorstädte kutschieren – danach folgt Johnny Cash mit „Riding Free“. Das ist das Teheraner Gefühl: nach außen allgegenwärtig die humorlosen patriarchalen Staatsinszenierungen, zugleich aber auch unendlich viel Poesie, Erfindungsreichtum und Kreativität, nach innen eine nahezu grenzenlose Freiheit, sich alles, was man tun möchte, zu erlauben. Eine Alltagskultur ist so entstanden, wie man sie aus der Spätzeit der DDR kennt, die dem Regime den Hintern zeigt, indem sie den Kotau vor ihm macht. Das schlägt sich auch in der Lyrik nieder, im Iran unangefochten die Königsdisziplin der Literatur. Die Worte entfalten einen doppelten Boden, mit dessen Hilfe sich die Konterbande des Unsagbaren an der Zensur vorbeischmuggeln lässt, ein auch in Deutschland zu anderen Zeiten nicht ungebräuchliches poetisches Rezept, wie es Ali Abdollahi, der den iranisch-deutschen Versschmuggel von Teheran aus organisierte, mit seinem Gedicht „Am Grab eines Friedensfreundes“ verdeutlicht: „Sein Grabstein über und über / von Hohltauben beschissen / zeit seines Lebens / liebte der selig Verschiedene / den Frieden fürwahr / doziert der Grabwächter / mit andächtiger Leidenschaft“.

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