Reisefieber (5): Die Sommerserie : Vater ist weg

Aufregung, Angst, Abenteuer: Reisen ist der individuelle Ausnahmezustand. An dieser Stelle erzählen wir in den Sommerwochen davon – mit erhöhter Temperatur.

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Hinter Tabakrauch verschwunden: der Vater unseres Autors. Foto: dpa
Hinter Tabakrauch verschwunden: der Vater unseres Autors.Foto: dpa

Am stärksten ist das Reisefieber wohl in der Kindheit. Meine Frau erzählt, dass sie als kleines Mädchen, bevor es mit der Familie in die Sommerferien ging, jedes Mal am Vorabend alle Uhren und Wecker heimlich vorgestellt hat. Aus Angst, man könnte sonst morgens den Zug oder die Abreisezeit verpassen.

Mein Schlüsselerlebnis in Sachen Reisefieber hatte ich wohl mit fünf. In den frühen fünfziger Jahren, am Beginn des neudeutschen Tourismus. Mit meiner englischen Großmutter wollen wir erstmals nach dem Krieg die Verwandten in London und Liverpool besuchen und in einem britischen Seebad Urlaub machen. Hierzu steigen wir in den berühmten Rheingold-Express nach Hoek van Holland, der, von Basel kommend, wie alle großen Züge damals noch von schwarzen, dampfenden Lokomotiven mit riesigen Eisenrädern und ihren im Zischen und Fauchen rhythmisch auf- und abschwingenden Deichseln vorangetrieben wird. Die Waggons sind dunkelblau und tragen einen goldenen Schriftzug, in den Abteilen gibt es samtene Sitze, polierte Holzverschalungen und Messinggriffe. Für das Kind, das später im holländischen Hafen erstmals mit einem Fährschiff übers Meer – wenn auch nur über den Ärmelkanal – fahren wird, ein Ereignis. Also Reisefieber, fast 42 Grad.

Kaum sind wir am Rhein, vielleicht beim Halt in Koblenz, steigt mein Vater aus, vermutlich um eine Pfeife zu rauchen – mein Vater liebte den Tabak und die frische Luft, beides zugleich. Auf dem Bahnsteig wimmelt es von Erwachsenen, das von der Großmutter ans Fenster gehaltene Kind erblickt plötzlich den Papa nicht mehr – und der Zug fährt wieder los. Panik. Jetzt habe ich meinen Vater verloren und bin, schon zu Beginn der ersten großen Reise, zur Halbwaise geworden. Unter losstürzenden Tränen.

Rettung durch einen GI

Wir sind damals im Herzen der amerikanischen Besatzungszone gestartet, und der Zug ist auch voller GIs. Meine Mutter und die Großmutter können mich offenbar nicht beruhigen, da greifen auf einmal zwei fremde Arme nach mir, heben mich auf, ich sehe in ein rabenschwarzes Gesicht, aus dem schneeweiße Zähne blitzen, ein mächtiger Männermund lächelt mich an – und als mein Blick auf die ebenfalls ungeheuer große, dicke goldene Armbanduhr fällt, zieht der schwarze Soldat sie sich vom Handgelenk und gibt sie mir; er deutet auf die verschiedenen Zeiger und Rädchen und erzählt mit einer tiefsanften Stimme, bis wann auch mein Daddy sicher wieder hier sein werde. Und siehe da, schon tritt er tatsächlich wieder zu uns ins Abteil.

Fieber und Tränen waren vorbei, und die schwarzen Leute, die zu jener Zeit noch „Neger“ hießen, sind dem weißen Kind seither nie mehr fremd gewesen.

Bisher in unserer Serie erschienen sind: Träge Tropen, Das gelbe Leuchten, Schwarze Sonne, Schwarm und Schock

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