• Reizvolle Modernismen: ein Theater-Gastspiel aus Mazedonien bei den Berliner Festwochen

Kultur : Reizvolle Modernismen: ein Theater-Gastspiel aus Mazedonien bei den Berliner Festwochen

Ralph Geisenhanslüke

"Atmen Sie tief ein und entspannen Sie sich", sagt die englische Stimme im Kopfhörer. "Ich werde jetzt bis 10 zählen." Bei jeder Zahl macht der Sprecher Anmerkungen. Zum Beispiel: "Das Netz ist nicht unbedingt eine bessere Welt. Es ist ein Babel." Oder: "Antigone bedeutet: gegen die Familie." Bei neun schließlich räumt er alle falschen Erwartungen aus: Auf dem Plan steht "Antigone in Technoland" vom Mazedonischen Staatstheater Skopje. Da sollte man dem Publikum wenigstens kurz vor der Vorstellung sagen, dass hier keine Anbiederung an eine eigentlich nicht mehr ganz junge Jugendkultur versucht wird: "No Computers. No Techno Music." Die einzigen elektrischen Geräte sind Infrarot-Kopfhörer für die Übersetzung, und die klingen eher nach Low-Tech. Sorry, Leute, das mit dem Pop-Schlüsselreiz war nur eine kleine Schlingelei. Zehn: das Spiel beginnt. "Ceck it out.

Der bulgarische Regisseur Galin Stoev hat den antiken Stoff auf 75 Minuten komprimiert oder gezippt, um in der EDV-Diktion zu bleiben. Die sechs Akteure auf der kahlen Bühne des Renaissance-Theaters, vier Männer und zwei Frauen in hochgeschlossenen Leinen-Röcken, übernehmen auch die Partien des Chors. Sie agieren gelenkig und mit karikierenden Gesten, deuten gar Drogenkonsum an. Könnte lustig werden. Wird es aber nicht. Stoev möchte Antigones Handeln auf keinen Fall in gesellschaftliche Zusammenhänge bringen, wie etwa: "Hier ist der Diktator Milosevic, und hier ist dieses Mädchen, das für die Demokratie eintritt."

Dennoch wird das Publikum die mannigfaltigen Konflikte des Balkans im Hinterkopf haben, wenn Stoev und sein Ensemble ein Stück spielen "über die Unfähigkeit der Menschen, einander zu verstehen". Babylonisch erscheint allen, die des Mazedonischen nicht mächtig sind, zunächst der Schwall von weichen Konsonanten, mit dem König Kreon und Antigone aufeinander losschreien, ohne den Anderen zu hören. "Username: Antigone. Passwort: Sophokles" - diese Modernismen scheinen reizvoll angesichts eines 2400 Jahre alten Stoffs. Und verweist die Tatsache, dass Antigone den toten Polyneikes auf dem Schlachtfeld beerdigen will, nicht auf Massengräber und die Grausamkeiten des Krieges?

Stoevs Interpretation sträubt sich gegen diese Schwere, sucht das Groteske in der Tragödie. Dabei hilft ihm besonders der Übersetzer, der durchaus eigene Ansichten zu Kreons Führungsstil hat und diese auch nicht für sich behält. "Das geht mir jetzt zu schnell", sagt er gelegentlich. Und irgendwann reicht es ihm: "Es ist furchtbar! Diese Leute können einfach nicht zuhören. Totaler Kommunikationsausfall! Ich gehe jetzt. Hier in Berlin gibt es doch wunderbare Techno-Raves, habe ich gehört." Unverhoffter V-Effekt, aber verständlich: Genau wie er sind wir "fed up with wars and corpses". Höflicher Applaus.Noch einmal heute, um 20 Uhr, im Renaissance-Theater.

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