Kultur : Remix der großen Liebe

„Back to the Present

Sandra Luzina

Alle wollen Constanza Macras. Die argentinische Choreografin gilt derzeit als heißester Act in der Berliner Tanz- und Performanceszene. Bei der Premiere ihres Mega-Projektes „Back to the Present“ im ehemaligen Kaufhaus Jandorf war nicht nur viel hippes Szenevolk vertreten, versiert in der Kunst des Loungens. Da traten sich auch die zahlreichen Veranstalter auf die Füße. Und wurden schon mal in Verkaufsgespräche verwickelt in der Filiale der „World of Joy“.

Constanza kann alle haben! Tänzer, Musiker, Schauspieler und andere begnadete Selbstdarsteller reißen sich darum, bei ihren extravaganten Projekten mitzumachen, die immer etwas von illegalem Club und wüstem Happening haben. Wie mit einer Wünschelrute streift sie durch die Stadt, entdeckt verlassene, vergessene Alltagsorte für die temporäre Bespielung. Macras, bekennende MTV-Konsumentin, wildert im Pop-Zeichenuniversum, spießt die Bilder des glamourösen Lebens auf, um sie schließlich lustvoll zu demontieren.

Party-Königin und Trash-Queen: Alle lieben Constanza Macras – und die hat damit offenkundig kein Problem. Alle mögen ihn, sagt Jared Gradinger in seinem Solo – und das ist für ihn sehr wohl ein Problem. Schließlich sei er ein Produkt aus Judaismus, Homosexualität, hemmungslosem TV-Konsum, Paranoia und Drogenmissbrauch - und so was gefällt? So was finden die Leute lustig? Die Szene handelt von einem Casting für eine Reality-Show. Der Amerikaner Jared Gradinger ist der ideale Kandidat: Er sieht ein bisschen aus wie ein schwuler Pornodarsteller. Er beherrscht die Kunst, auf die Fresse zu fallen, ist eine Virtuose des aggressiven Witzes, der immer in Selbstverletzung umzukippen droht.

Er ist der komischste Vogel in dem schrägen Haufen, der durch das leere Kaufhaus jagt. Alle üben sich in der Kunst der vollkommen unechten Darstellung. Singen und spielen Cover-Versionen von vergangenen Hits, denken an eine verflossene Liebe wie an einen vergangenen Hit. Covern, Kopieren, Zitieren – die Darsteller bewegen sich auf dem schmalen Grad zwischen Punk und Parodie. Der Beatles-Song „Yesterday“ in einer Latino-Version ist das Leitmotiv des Abends.

Mit „Back to the Present“ setzt Constanza Macras ihre MIR-Trilogie fort. Die Kosmonauten der Liebe finden sich nach einem kontrollierten Absturz in der Gegenwart wieder – und die ist unbewohnbar. Je weiter der Abend fortschreitet, desto mehr Abfall wird aufgetürmt. In der Liebe gibt es keine glatten Enden, keine sauberen Schnitte. Und so wird die Performance hintergründiger, verzweifelter und auch komischer.

Die Darsteller sind Erinnerungsjunkies. Süchtig nach den vergangenen Gefühlen wie nach einer Droge der Nostalgie. Sie alle kennen die Phantomschmerzen der Liebe. Auch wenn das Objekt des Begehens längst davon ist, zeugen doch sentimentalische Gegenstände von der verlorenen Anwesenheit. Bei Müllexpertin Macras wird nicht entsorgt und getrennt. Wir sind alle kontaminiert von dem Gesellschafts-Porno, suggerieren ihre Trash-Orgien – bis zur völligen Verausgabung. Liebesillusion, sentimentale Schrebergärtchen und Kuscheltierzoo: Alles liegt am Ende zertrümmert, zerstört da. Alle haben sich glänzend amüsiert.

27. bis 29.6., 2. bis 6. 7. und 9. bis 13.7., Kaufhaus Jandorf, Brunnenstr. 19 - 21, Tea-Room ab 18 Uhr, Performance 20 Uhr

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