Kultur : Renaissance des Herrenzimmers

Neues Bauen in Berlin: Wie das Gebäude der italienischen Botschaft aus der NS-Zeit in der Gegenwart ankommt

Frank Peter Jäger

Am Gebäude der italienischen Botschaft bricht sich die wechselvolle Geschichte Berlins im vergangenen Jahrhundert: Als Symbol des imperialen Herrschaftsfantasien der „Achsenmächte“ Deutschland und Italien geplant, wurde es, kaum eingerichtet, nur Monate nach seiner Fertigstellung im Jahre 1942 durch Bombentreffer beschädigt. Zur offiziellen Einweihung kam es nie. Schließlich bescherte die deutsche Teilung der Ruine jahrzehntelange Agonie. Lediglich einen Flügel des 200-Zimmer-Baus nutzte Italien für Konsulat und Kulturinstitut. Das restliche Gebäude verfiel zusehends, Schutt und Gerümpel türmten sich malerisch in den verwüsteten Sälen.

Jetzt leuchtet die Fassade wieder im zarten Rosé der Erbauungszeit, die Quader des Travertinsockels schimmern weiß. Die Bauzäune sind gefallen, und Anfang Juli werden die italienischen Diplomaten ihr altes, neues Domizil festlich einweihen.

Der Architekt Friedrich Hetzelt adaptierte in den Vierzigerjahren den Stil römischer Stadtpalais’. Doch geriet die Renaissance-Motive der Fassade eher trutzig als aristokratisch – wohl, weil sich Mussolini eher in der Nachfolge des römischen Imperiums als der Renaissance wähnte. Entsprechend großer Aufwand wurde für die Ausstattung getrieben: Alleine die Eingangshalle ist mit drei unterschiedlichen Marmorsorten ausgestattet. In den Fußboden aus Rosso di Verona sind Muster aus schneeweißem Stein eingefügt. Der größte Teil der Baumaterialien – Travertin aus Tivoli, Marmor und ligurische Eiche - kam aus Italien. Im Keller befand sich – in einem zunächst als Bunker geplanten Raum – eine Kapelle. Künftig sollen hier Vorträge gehalten werden. Im östlichen Trakt des dreiflügligen Gebäudes bezieht das italienische Kulturinstituts seine neuen Räume.

Das Herzstück des Gebäudes bildet eine Folge repräsentativer Säle, die fast die gesamte erste Etage einnehmen. Einige, wie das „Kleine Speisezimmer“ mit seiner vergoldeten Rokokotäfelung, sind eher intim gehalten, andere monumental, wie der acht Meter hohe, taubenblau getünchte Festsaal in der Mitte des Hauptflügels. Seine Neorenaissance-Ausstattung lässt an den Prunk höfischer Festsäle denken, kontrastiert aber merkwürdig mit der kahl-klaren Marmorstrenge der pompösen Treppenhalle. Das und manch anderes belegt, dass Hetzelt weniger ein originärer Vertreter als vielmehr ein geschickter Imitator faschistischer Architekturvorstellungen war.

Restaurieren, rekonstruieren

Nachdem sich die italienische Regierung für die Wiederherstellung der alten Vertretung entschieden hatte, konnten der römische Architekt Vittorio de Feo und sein Berliner Partner Stephan Y. Dietrich den Wettbewerb um den Wiederaufbau für sich entscheiden. De Feo verfolgt ein bestandsorientiertes Konzept: Die fragmentarischen Fresken im Salon des Botschafters (seine Wohnung misst 600 Quadratmeter) ließ das Architektenduo restaurieren, teilweise auch rekonstruieren.

Veränderungen gab es, abgesehen von der technischen Ausstattung, nur an wenigen Punkten: Den Saalfluchten der ersten Etage fügte de Feo an der Hofseite eine Terrasse an, so dass sich Feste im Sommer zwanglos ins Freie ausdehnen können. Das Format der Travertinverkleidungen erinnert allerdings an die kleinmütige Adaption neoklassizistischer Motive in der Zeit der Postmoderne – unverständlich bleibt, weshalb nicht auch hier das große Steinformat des Altbaus zur Anwendung kam.

An den Portalen, die zu den Repräsentationsräumen führen, entfernte man die beiderseits in den Türsturz eingefügten Fascenbündel, die der Antike entlehnte Symbole des Mussolini-Regimes. Die Fehlstellen füllen jetzt glatte Stücke rötlichen Marmors aus.

Respekt verdient die Kleinarbeit, in der de Feo und Dietrich die fragile Substanz des Hauses wiederhergestellt haben. Die komplizierten Schäden ließen sich nicht nach Plan beheben, sondern nur über immer neue Einzelentscheidungen.

Die Baustelle glich eher eine Bauhütte, denn zahlreiche traditionelle Gewerke wirkten an der Restaurierung mit. Die Sanierung der zahlreichen Spolien erforderte ihre ganze Handwerkskunst. Alle repräsentativen Räume sind mit Zierbrunnen, Kaminfassungen, Portalen und weiteren Fragmenten aus Renaissancepalästen ausgestattet, wie zum Beispiel der drei Meter hohe Türsturz aus dem Palazzo Ducale in Gubbio, datiert auf das Jahr 1480, durch den der Besucher das Herrenzimmer betritt.

Selbst die Zugänge zum Aufzug sind von Doppelsäulen flankiert, und die für Besuche des italienischen Staatspräsidenten gedachte Gästesuite beschirmt eine Holzbalkendecke aus einem venezianischen Palazzo. Gemessen am Umfang der Restaurierungsarbeiten erscheinen die Baukosten von 16 Millionen Euro durchaus moderat.

Weil seinerzeit schon bei der Planung feststand, dass die Spolien aus dem ursprünglichen Botschaftsgebäude Italiens ins neue Haus umziehen sollten, gaben diese Grundriss und Abmessung weitgehend vor – so gesehen, steht am Tiergarten ein mit Stilelementen der faschistischen Repräsentationsarchitektur versetzter Renaissancepalast.

Bleibt die Frage, ob die Entscheidung zugunsten einer strikt bestandsorientierten Erneuerung richtig war. Wäre es nicht vielleicht geboten gewesen, die Prachtentfaltung des Mussolini-Regimes durch punktuelles Hinzufügen zeitgenössischer Elemente zu konterkarieren – so, wie es Hans Kollhoff am ehemaligen Reichsbankgebäude vorgemacht hat?

Der versteckte Bombentreffer

Der gelassene Umgang mit einem von einer Diktatur errichteten Bauwerk indessen darf wohl als Zeichen demokratischer Normalität verstanden werden. Die Architekten stellten sich selbstbewusst diesem Erbe, ließen aber zugleich die Spuren der Zerstörung an manchen Stellen erkennbar; etwa an der Pergola an der Rückfront der Botschaft, die 1945 von einer Bombe getroffen wurde und deren Architrav seitdem auf halber Länge jäh abbricht. Somit bewahrt die Arbeit von de Feo und Dietrich zwischen den nagelneuen Botschaften und Vertretungen von Indien, Südafrika, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg ein historisches Baudenkmal, das an die Ursprünge des von Albert Speer geplanten Diplomatenviertels der Reichshauptstadt erinnert.

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