Renaissance-Theater : Dinner für Spinner

Lob der Schadenfreude: Boris Aljinovic als liebenswerter Freak in „Von hinten durch die Brust ins Auge“ im Renaissance-Theater.

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Kleiner Mann, großes Herz. Boris Aljinovic als tragische Witzfigur Frank Ritzel.
Kleiner Mann, großes Herz. Boris Aljinovic als tragische Witzfigur Frank Ritzel.Foto: Freese/drama-berlin.de

Der Erfolgsverleger Pierre Brochant pflegt ein bizarres Hobby. Er und eine Gruppe Gleichgesinnter laden sich jede Woche einen handverlesenen Idioten zum Essen ein. Ein Gartenzwergsammler kann das sein, ein Vogelstimmenimitator oder einfach ein Dummschwätzer. Der Zweck der Veranstaltung: den Ahnungslosen vorzuführen und sich auf seine Kosten zu amüsieren. Klingt zynisch. Ist es natürlich auch. Aber Schadenfreude ist nun mal die einzige absichtslose Empfindung, zu der die Menschen fähig sind.

Der französische Erfolgsautor Francis Veber dreht in seiner Komödie „Dinner für Spinner“ von 1993 – im Original „Le Dîner de Cons“ – den Spießrutenlauf allerdings im Sinne der moralischen Erziehung um. Brochant glaubt, den König der Trottel entdeckt zu haben, den Finanzbuchhalter François Pignon, der Streichholzmodelle bastelt. Doch bevor er seinen Kandidaten der Hyänenrunde vorwerfen kann, streckt ein Hexenschuss den Verleger nieder. Nun ist Brochant dem vorbeischneienden Kretin ausgeliefert. Und der braucht nicht lange, um in einem Amoklauf der Tollpatschigkeit die Existenz seines Gastgebers zu erschüttern.

Am Renaissance-Theater hat man das Stück von Paris nach Berlin verlegt. Und statt „Dinner für Spinner“ heißt es „Von hinten durch die Brust ins Auge“. Vielleicht, weil die Eigenständigkeit der Fassung betont werden soll. Vielleicht auch nur, weil der Renaissance-Theater-Intendant Horst-H. Filohn sein Haus nicht gern in einer Liga mit den Ku’damm-Bühnen sieht, wo die Boulevard-Komödie schon lief. Genau wie bei Dieter Hallervordens „Wühlmäusen“.

Sei’s drum, Brochant heißt jetzt Brochalke, Peter Brochalke, und wird von Robert Gallinowski gespielt. Der Verleger residiert in einem feudalen Hauptstadtloft mit Panoramafenster und Kunstsammlung (Bühne: Momme Röhrbein). Hier sucht ihn der Hanswurst heim, der Finanzbeamte Frank Ritzel (Boris Aljinovic), der verschwundene Berliner Orte wie die Deutschlandhalle oder den Palast der Republik mithilfe von exakt 346 422 Streichhölzern und 37 Tuben Klebstoff wiederauferstehen lässt.

Die Situation könnte für den Verleger nicht ungünstiger sein. Brochalke laboriert als Schmerzgebeugter an seinem Rückenleiden und wurde soeben von seiner Frau Christine (Anika Mauer) verlassen. Frohnatur Ritzel – dessen Anrufbeantworteransage lautet „Bitte pfeifen Sie nach dem Sprechton“ – drängt Unterstützung auf. Und schafft Chaos. Als Helfer bei der telefonischen Jagd nach Christine lässt der Mann kein Fettnäpfchen aus. Im Fortgang des Abends muss Brochalke vor seinem ehemals besten Freund (Kai Maertens) zu Kreuze kriechen, die Avancen seiner esoterischen Geliebten Cindy abwehren (ebenfalls Anika Mauer) und sich einen extraharten Steuerprüfer (Thomas Schendel) ins Haus holen. Bis er am Ende erkennt, wer der wahre Spinner ist.

Debütregisseur Guntbert Warns, am Renaissance-Theater sonst als Schauspieler viel beschäftigt, interessiert sich zum Glück weniger für derlei Holzhammer-Humanismus. Sondern lässt mit Sinn für Timing das Stück seinen tumultuarischen Sog entfalten. Auf Schadenfreude baut schließlich auch Francis Veber.

Warns setzt die Pointen unaufdringlich. Wie er sich überhaupt als Regisseur nicht übermäßig sichtbar zu machen versucht – erfreulicherweise. Vielmehr schafft er Raum für zwei hervorragende Hauptdarsteller in einem durchweg sehenswerten Ensemble. Robert Gallinowski, parallel auch im „Kirschgarten“ am Berliner Ensemble beschäftigt, spielt den Erfolgsverleger Brochalke als bärbeißigen Kontrollfreak mit durchaus ernsten Problemen: Der Mann ist seiner Existenz überdrüssig und wütet gegen die eigene Leere an. Und Boris Aljinovic verkörpert einen Unruhestifter mit beschränktem Horizont und großem Herzen, ohne den Klamauk-Versuchungen der Rolle zu erliegen. Vielmehr macht er die zugrunde liegende Einsamkeit spürbar. „Von hinten durch die Brust ins Auge“ wird die hochnotkomische Geschichte zweier Männer, die keinen Platz im Leben finden. Nicht in Paris, nicht in Berlin.

Noch täglich bis 3. Juni, 20 Uhr.

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