René Wirths im Haus am Lützowplatz : Der Dingemaler

Vom Fussball bis zum Ei: René Wirths' Stillleben im Haus am Lützowplatz feiern das Banale des Alltags als Speicher der Erinnerungen und Erfahrungen.

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Ansicht aus René Wirths Berliner Atelier.
Ansicht aus René Wirths' Berliner Atelier.Foto: Eric Tschernow

Der Maler nimmt den Hammer zur Hand. Unverzüglich muss der Keilrahmen nachgespannt werden, gleich hier in der Ausstellung im Haus am Lützowplatz. Denn auf der weißen Leinwand haben sich Dellen gebildet, Schattenwürfe also. Das darf nicht sein, das lenkt bloß ab. In diesem Fall von dem großen Hühnerei, das sich formatfüllend auf der Leinwandfläche rundet. Es ist ein Ei, sonst nichts. René Wirths malt Dinge. Viel größer als in Wirklichkeit erscheinen sie, aber merkwürdigerweise nicht überdimensioniert – sondern gerade richtig, um die fein dokumentierten Oberflächen genau unter die Lupe zu nehmen. Man tritt näher. Der Fußball ist mannshoch, das Tonbandgerät mächtig wie ein Wandschrank: Blow Up mit Retrocharme.

Nach Fotos zu malen, lehnt Wirths ab. Er nimmt die Dinge als Einzelstück zu sich ins Atelier. Das Tonbandgerät, vermutlich etwa so alt, wie der Künstler selbst, überließ ihm ein Gastwirt, in dessen Gaststube er das Stück entdeckte. Monatelang versenkte sich Wirths ins Zwiegespräch mit diesem Ding. Jetzt steht es da. Wirft keinen Schlagschatten, ist nur für sich genommen. Diese klobigen Schalter und Drehregler! Man meint fast, das Klackgeräusch beim Drücken wieder zu hören. Dinge können wie Düfte sein: Speicher von Erinnerungen, Erfahrungen.

Einen großen Pappkarton zeigt der Maler aufgeklappt, banalerweise leer. Assoziationen können sich einlagern. Transportbehälter für Inhalte, das sind Wirths’ Alltagsdinge allesamt. Dass es ihm tatsächlich gelingt, die großen symbolischen Geschichten hinter den Oberflächen hervorlugen zu lassen, liegt an der ausgefuchsten Geometrie seiner Kompositionen. Kein Zufall ist es, dass der lädierte Fußball sein Ventil wie ein Auge frontal auf den Betrachter richtet.

Dabei stellt Wirths seine Gegenstände emotionslos nüchtern ins Format. Vier kreisrunde Fahrradreifen, eine dicke Bohle, holzgemasert. Und eine stolze Moto Guzzi, Fetisch für Motorfreaks. Das Modell lieh ihm ein Freund, zum Überwintern im Atelier. Jetzt spiegelt sich auf dem rot lackierten Tank das illusionistisch perfekt verzerrte Atelierfenster. Taucht da nicht sogar die Figur des Malers auf, als kleines Spiegelbild? Schon die Stilllebenmeister des 17. Jahrhunderts liebten solche versteckten Fingerabdrücke ihrer Anwesenheit im Bild.

Die akkurate Malweise bezeugt den langen, geduldigen Malprozess: Wirths malt die Zeit ins Bild. Das alte Vanitas-Thema der Stilllebenmalerei ist den benutzten, abgeschrammten Objekten seiner Wahl ohnehin eingeschrieben. Vergänglichkeit grundiert selbst die eingedellte Plastikwasserflasche, genau halbleer, halbvoll. Im Eck drängen sich kleine, grau in grau gemalte Menschenprofile. Die im vergangenen Jahr begonnene Serie zieht die Summe von Porträtbegegnungen, die auch während der Ausstellung jeden Samstag unter den Augen der Besucher stattfinden. Dann malt Wirths, während sein Modell stillsitzt.

Haus am Lützowplatz, bis 26. März, Lützowplatz 9, Di bis So 11 – 18 Uhr.

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