Kultur : Rennen im Kreisverkehr

Hübsche Idee, aber wozu? Andreas Kriegenburg stellt „Das letzte Feuer“ im Thalia-Theater auf die Drehbühne

Katrin Ullmann

Schwindelfrei sollte man schon sein. Als Zuschauer und vor allem als Schauspieler. Denn Andreas Kriegenburg setzt Dea Lohers jüngstes Stück „Das letzte Feuer“ im Hamburger Thalia-Theater auf einer fast ununterbrochen rotierenden Drehbühne in Szene. Es ist ein gutes, klares Bild für den unaufhaltsamen Lauf der Dinge, doch ein gleichermaßen enervierendes.

Von menschlichen Abgründen, sozialer Inkompetenz, von Schuld und Unschuld erzählt Loher in ihren Stücken und erschafft in ihnen eine bilderreiche Trostlosigkeit. „Das letzte Feuer“ ist ein Episodendrama über eine Realität, in der die Verzweiflung zu Hause ist, die mannshohe Dogge den bestbezahlten Job der Gegend hat und die Menschen ihre Träume längst begraben haben. Es ist ein Stück über eine Realität, die beunruhigt und die in der Nachbarschaft wohnt: berührend, traurig und doch voller leisem, feinem Humor.

Zwei Stunden dauert die Uraufführung und zwei Stunden lang bewegen sich die Darsteller – von Laurent Simonettis drängenden Musikloops unterlegt – kontinuierlich entgegen der Drehrichtung. Sie erzählen, schreien und küssen im Gehen, sie weinen und streiten dabei und ziehen sich an und aus. Alles, nur nicht sitzen, liegen oder innehalten! Denn das Leben geht weiter, immer weiter. Auch – oder erst recht – für die verzagten Figuren in diesem Stück, in diesem „vergessenen Stadtteil“ in irgendeiner Stadt.

„Am helllichten Mittag des neunzehnten August zweitausendund“ kommt hier der achtjährige Edgar bei einem mysteriösen Autounfall ums Leben. Der einzige Zeuge ist Rabe, ein Fremder. Introvertiert und ruhig spielt Hans Löw den vom Krieg traumatisierten Soldaten. Die Eltern des Kindes, Susanne (allzu emphatisch: Natali Seelig) und der dröge Ludwig (Jörg Pose), sind sprachlos vor Schmerz. Also berichten die anderen, „die Gemeinschaft, die wir vorgeben zu sein“: die im Ehrgeiz verbissene Polizistin Edna, die krebskranke Karoline, der zugekokste Zuschnellfahrer Olaf und sein phlegmatischer Freund. Sie berichten von ihrem Trauma, ihrer Schuld und ihrer Version des Unglücks und von dem immer wiederkehrenden Schrecken. Denn Olafs Mutter Rosmarie (großartig: Katharina Matz) ist an Alzheimer erkrankt; für sie stirbt der kleine Edgar mehrmals am Tag. Nach und nach verweben sich die trostlosen Lebenswelten, die Figuren verlieben, verletzten und zerstören sich – jede gefangen im eigenen Schmerz. Am Ende wird ein verbal gelegtes letztes Feuer alles auslöschen. „Danach fängt alles neu an.“

Andreas Kriegenburg und die Dramatikerin Dea Loher sind ein lang vertrautes Team. Beinahe jedes Jahr kommt am Thalia eine Loher-Inszenierung von ihm heraus. Diesmal lässt der Regisseur die altmodisch beige-braun gekleideten Darsteller durch sechs bedrückende Guckkastenräume laufen, ein rotierend seelenloses Wohnkarussell. Sie wirken gehetzt, schließlich steht ihnen nur ein begrenzter Zeitrahmen zur Verfügung, um ihren Anteil an der Geschichte unterzubringen, bevor der Bühnenkreisel sie wieder ins Off befördern wird.

„So wie sich die Figuren ihrer Lebenssituation ausliefern müssen, so sind die Schauspieler dazu gezwungen, sich der Mechanik der Aufführung auszuliefern,“ resümiert Kriegenburg sein Konzept im Programmheft. Dass diese spielerisch gemeinte Idee jedoch eher verspannte Auf- und Abtritte, eine schlechte Akustik und jede Menge Timing-Probleme mit sich führen würde, hat er offensichtlich nicht bedacht. Noch dazu ist Kriegenburg in seiner Umsetzung nicht konsequent. Um einzelne Szenen ausführlicher zu erzählen, projiziert er diese an die Bühnenwand. Dann werden Lampen aufgestellt und Mikros eingeschaltet. Dreimal stoppt Kriegenburg das Karussell sogar ganz.

In diesen ruhigeren Momenten bröckelt zwar das Regiekonzept, aber die Schauspieler haben endlich Gelegenheit, ihren Figuren Kontur, ihren Geschichten Gefühl zu verleihen. Dann beginnen sie zu spielen und zu meinen, dann sind sie so glaubwürdig wie hoffnungslos. Den Rest des Abends stolpern sie mehr oder weniger fahrig von Raum zu Raum und Tür zu Tür, immer Gefahr laufend, den Text den Tücken der Bühnentechnik opfern zu müssen.

Dem Bühnengedrehe fällt auch Kriegenburgs übliche theatrale Bilderwelt zum Opfer. Er inszeniert Lohers Text zwar angenehm unpathetisch, doch gleichermaßen technisch. Kaum eine so ausgearbeitete Szene, dass sie über die Parkettreihen hinaus verständlich wäre. Inhalt, Sprache und Stimmung bleiben auf der Strecke. Und auch wenn sich die Bühne am Ende immer schneller dreht, die Figuren rennen und schreien: seltsam unbeseelt. Als ginge es nicht darum, über den Tod eines Kindes hinwegzukommen.

Wieder am 2. Februar, 14 und 20 Uhr; am 6. Februar, 20 Uhr, 15. Februar, 20 Uhr.

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