Requiems von Mozart bis Mansurian : Letzte Unruhe

Musik für die Toten: das Requiem als liturgische Totenmesse, historisches Gedenken und politische Anklage. Bewegende Kompositionen, von Mozart bis Mansurian.

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Abbruch nach acht Takten. Die letzten Noten, die Mozart 1791 für sein Requiem notieren konnte.
Abbruch nach acht Takten. Die letzten Noten, die Mozart 1791 für sein Requiem notieren konnte.Foto: akg-images / Erich Lessing

Das kürzeste Requiem der Welt dauert keine Sekunde und hat nur einen symbolischen Klang. Mit Notenzeichen blitzt es über den Bildschirm der zweiten Pokémon-Generation: als eine von 25 Lärmattacken, die anders als der Urgesang, die Schaumserenade oder das Schuppenrasseln binnen vier Spielzügen bei allen nicht immunisierten Pokémons zum Tode führt. Unscheinbarer könnte dieses Requiem, wie es im Französischen heißt (auf Englisch Perish Song, auf Deutsch Abgesang), nicht vonstattengehen. So obszön es inmitten all der religiös ausgeglühten, von der liturgischen Tradition aber noch aufgeladenen Requiems unserer Zeit wirken mag, ist es doch auch das Sinnbild einer virtualisierten Kriegsführung mit Cyberschlägen und Drohnen, an deren unheimlicher Lautlosigkeit sich bisher kein Komponist versucht hat.

Wie viel spektakulärer dagegen die verstörendste Totenmesse der letzten 50 Jahre, Bernd Alois Zimmermanns 1969 uraufgeführtes „Requiem für einen jungen Dichter“. Auf die Totalitarismus- und Weltkriegsschlachtfelder des 20. Jahrhunderts antwortet es mit einer eigenen Materialschlacht. Drei Chöre, ein opulent besetztes Orchester, zwei Sprecher und zwei Solisten, eine Jazzband, Zuspielbänder mit Düsenjägerkrach und Panzergedröhn sowie die Stimmen von Joseph Goebbels und Alexander Dubmek überlagern sich zu einer endzeitlichen Collage, durch die Wittgenstein-, Grundgesetz- und Mao-Zitate schwirren. Zimmermann nennt sein mit Kyrie-Schreien und „Internationale“-Fetzen versetztes Musik- und Textgebirge ein „Lingual“, auch mit Blick auf die verwendeten Verse von Sergej Jessenin, Wladimir Majakowski und Konrad Bayer. An der Verzweiflung dieser drei von eigener Hand gestorbenen Dichter nahm sich der zusehends depressive Zimmermann selbst ein Beispiel: Im August 1970 suchte auch er, mit nur 52 Jahren, den Tod.

Die Finsternis lässt sich nicht weiter steigern

An eine weitere Steigerung der Mittel ist seither nicht zu denken. Die Zertrümmerung der ohnehin seit Generationen aufgeweichten Form – immerhin gestattet sich Zimmermann am Schluss ein „Dona nobis pacem“, wo im Agnus Dei sonst das „Dona eis requiem“ erklingt – lässt sich kaum überbieten. Kein stärkerer Funke Hoffnung ließe sich einer noch tieferen Finsternis abpressen: Sie würde sich selbst verschlingen. Hinter solche Kulminationspunkte kann man nur zurückgehen. So wie Wolfgang Rihm in seinen jüngst bei der Münchner musica viva uraufgeführten „Requiem-Strophen“ die alles schroff Auseinanderstrebende mit geradezu romantischer Inbrunst einem musikalischen Fluss einverleiben.

Rihm ist weniger auf den Rückbau avantgardistischer Schallmauern aus als auf die Vergegenwärtigung von Traditionen, wie sie ihm in Gestalt der Trost-Requiems von Gabriel Fauré und Johannes Brahms vor Augen stehen, gekreuzt mit seiner persönlichen Klangrede und Texten von Rainer Maria Rilke, Johannes Bobrowski und Hans Sahl. Rihm führt ins Großorchestrale, was er 2009 in „Et Lux“ (Aufnahme bei ECM) zunächst kammermusikalisch für ein Vokal- und ein Streichquartett erkundete.

Und doch gibt es derzeit nichts Demütigeres, Innigeres und Ergreifenderes als das 2011 uraufgeführte Requiem des 1939 geborenen armenischen Komponisten Tigran Mansurian im Gedenken an die Opfer des türkischen Völkermords an seinen Landsleuten zwischen 1915 und 1917. In einer herausragenden Ersteinspielung seiner Auftraggeber, dem Rias Kammerchor und dem Münchener Kammerorchester, ist es soeben bei ECM erschienen. In der prononcierten Reduziertheit seines Satzes, die mit einem vierstimmigen Chor, ausschließlich Streichern, einem Bariton (Andrew Redmond) und einer Sopranistin (Anja Petersen) auskommt und nur die kanonischen lateinischen Texte vertont, kann man es für restaurativ halten. Zugleich würde man die Raffinesse unterschätzen, mit der Mansurian die monophonen, an den Modi seiner orthodoxen Kirche mit ornamentalen Schlenkern ausgerichteten Grundmelodien mit durchaus zweideutigen, viele harmonisch klar definierte Dreiklänge in Nebentonarten öffnenden Zusätzen versieht, ohne schmerzliche Dissonanzen zu bemühen.

Vor allem muss man die unterschiedlichen Sinngehalte berücksichtigen, die der römisch-katholische und der apostolisch-orthodoxe Glaube demselben liturgischen Text verleihen. Während die Missa pro defunctis den mehr oder weniger unmittelbaren Übergang der verstorbenen Seele in die Ewigkeit beglaubigt, erinnert das armenische Hokehankist 40 Tage nach dem Tod eines Menschen und anschließend nach Bedarf im Jahresabstand daran, dass erst mit der Wiederkunft Christi der Eintritt möglich wird.

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