Kultur : Restauratoren: Der Beruf verändert sich vom Handwerker zum Wissenschaftler

Moritz Schuller

Vor einigen Jahren sorgte die Restaurierung der Sixtinischen Kapelle im Vatikan für erbitterten Streit. Kitsch, hieß es, sei das Ergebnis, andere sprachen von der Wiedergeburt eines prachtvollen Kunstwerks. Was die einen schlicht Schmutz nannten, der entfernt gehört, war für andere längst die Patina der Fresken. Eine, die selbst auf dem Gerüst in der Sixtinischen Kapelle war und daraufhin dem Projekt den Rücken gestärkt hatte, ist die Chefrestauratorin der Berliner Gemäldegalerie. Damals habe sie, sagt Gisela Helmkampf, die Angst vor den Restauratoren gespürt, vor deren Macht, ein Kunstwerk zu prägen und womöglich für immer zu verändern. Eine Macht, die zwangsläufig zu großer Nervosität führt, wenn es um Kuntwerke von enormen materiellen und historischen Wert geht. "Bilder, die gelitten haben", sagt Gisela Helmkampf, "müssen interpretiert werden". Der Betrachter solle das Kunstwerk zu sehen bekommen, das der Künstler gewollt habe. Dazu gehört auch der Mut, Verschlechterungen, die das Objekt erfahren hat, rückgängig zu machen. Helmkampf hat gerade die Restaurierung des Porträts der Marchesa Geromina Spinola von Anton van Dyck beendet, das jetzt wieder in der Gemäldegalerie zu sehen ist. Wo vorher dunkle Flächen zu sehen waren, aus denen nur die Hände und das Gesicht hervortraten, sind inzwischen wieder Konturen des Kleides zu erkennen. Lange hatte sich niemand an das Gemälde herangetraut, und auch jetzt ist die selbstkritische Restauratorin trotz ihrer Meisterleistung unzufrieden. Ins Depot würde sie das Gemälde am liebsten verbannen - "zuviel Helmkampf" sei inzwischen daran.

Die Hüter des Originals

Heute, sagt Holger Manzke, der in Berlin als freier Gemälde-Restaurator arbeitet, sollte "die Konservierung der originalen Substanz absoluten Vorrang vor einer Retusche etwaiger Fehlstellen haben." Restauratoren seien die Hüter des Originals. "Dazu gehören aber auch die Alterungsspuren." Ähnlich äußert sich Bodo Buczynski, als Chefrestaurator für die Statuen im Bode-Museum verantwortlich. Er sei vorsichtiger geworden im Laufe seiner Laufbahn, zu oft habe er irreperable Schäden feststellen müssen, die von Restauratoren verursacht wurden. Aber auch die wären Teil des Kunstwerks: "Eine Skulptur hat ihre Historie". Der Restaurator muss die Erwartung der Betrachter ins Kalkül ziehen, die seinem Originalitätsbegriff widersprechen mag, die sich aber allzuoft mit den kommerziellen Interessen einer Museumsleitung deckt: ein Rembrandt muss seinem Ruf gerecht werden. Und so hat sich der Betrachter im Museum längst an leuchtende Farben und an kompositorische Geschlossenheit gewöhnt. Gemälde, deren Qualität sich erst auf den zweiten Blick erschließt, werden übersehen.

Dieser Wille zur Pracht und zur musealen Star-Ausstellung verschiebt das Hauptgewicht der Restaurierungsarbeit. Rund zwei bis drei Prozent Substanzverlust erleidet ein Kunstwerk bei jeder Ausstellung durch Transport und Klimaveränderungen. Mikroskopisch kleine Schäden führen in absehbarer Zeit dazu, dass Kunstwerke im wörtlichen Sinne verbraucht werden und unwiederbringlich zerstört bleiben. Zunehmend wird so nicht nur der Schutz und die Pflege der Kunstwerke zur Aufgabe des Restaurators, sondern, so paradox es klingen mag, der Hinweis auf die Vergänglichkeit unserer Kunstschätze. Eine Rückkehr zum Original, sagt Buczynski, sei ohnehin nie möglich. "Es geht immer nur darum, den Verfall zu verlangsamen." Ein Verfall, der vornehmlich die Kunstschätze in öffentlicher Hand betrifft und damit die knapp hundert Restauratoren der Staatlichen Museen. Aber auch die freien Restauratoren in der Stadt leben vornehmlich von Werkaufträgen aus dem musealen Bereich oder der Denkmalpflege, Privataufträge sind noch immer eher selten. Verbergen Wohnungen an der New Yorker Park Avenue reihenweise Monets, Manets, Picassos und antike Skulpturen, wohnt man in Berlin schlichter. Doch die anhaltende Neuordnung der Berliner Kulturlandschaft sorgt für Ersatz: "Der Umzug von Museen und Sammlungen stellt ein großes Betätigungsfeld für uns freie Restauratoren dar", sagt Manzke. Er selbst begleitet zurzeit, nachdem er zehn Jahre fest für die Gemäldegalerie gearbeitet hatte, den Abbau und Neuaufbau einer Kultbildhöhle im Indischen Museum.

Besorgt nicht zuletzt um die Qualität der freien Restauratoren, drängen die Verbände auf den Berufstitelschutz. Zum Schutze des kulturellen Erbes soll sich nur Restaurator nennen dürfen, wer etwas davon versteht. "Der Berufstitelschutz", sagt Sabina Fleitmann von der Vereinigung Deutsche Restauratorenverbände (VDR), "soll sichern, dass am Kunst-und Kulturgut nicht gepfuscht wird, und zugleich Qualitätsmaßstäbe setzen, an denen sich öffentliche und private Auftraggeber orientieren können." Inzwischen nimmt der VDR nur noch diplomierte Mitglieder auf. Die fachlichen Anforderungen für eine sachgemäße Restaurierung sind inzwischen so angewachsen, dass der Handwerker-Restaurator immer weiter vom akademischen Kunst-Experten verdrängt wird.

Operation am Werk

Bodo Buczynski spricht von "Kunsttechnologien", die der heutige Restaurator beherrschen muss. Wie ein Mediziner, der Schnitte setzt, der Röntgen- und Lasertechniken benutzt, fühle er sich, sagt Buczynski, als Internist und Chirurg in einem, der Patienten behandeln und gleichzeitig Grundlagenforschung betreiben muss. Hinter der Akademisierung des Fachs steht gleichzeitig eine berufspolitische Forderung. Nicht nur verdient der Restaurator weniger als ein Kunsthistoriker im Museum, noch immer liegt im Umgang mit dem Kunstwerk die Definitionsmacht auf Seiten des Kunst-Theoretikers. "Es kann nicht sein, dass ein Kunsthistoriker sagt: machen sie das mal so oder so. Das muss ein Gespräch sein", fordert Buczynski und sein Mitarbeiter, Dieter Köcher, geht sogar einen Schritt weiter: "Ohne Kunsthistoriker können die Objekte überleben, ohne Restauratoren nicht". Aber auch eine fortschreitende Technisierung und Wissenschaftlichkeit der Analysemethoden bleibt letztlich zweitrangig bei einer Tätigkeit, die sich der ästhetischen Qualität eines Kunstwerks stellen muss. Erfahrung ist nicht ersetzbar, sagt Gisela Helmkampf, und klagt über die Fachidioten, die mit Verstand restaurieren, statt mit Gefühl und Auge. Denn die Farb-Pigmente allein "sind doch nur nur Dreck".

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