Kultur : Revolutionär mit Bahnsteigkarte

Michael Zajonz

Wir folgen dem Gesetz der Serie. Da die achtziger Jahre unter trendbewussten Mitmenschen längst Kultstatus genießen und selbst Ikea Retro-Design der Seventies unters Volk bringt, bleibt nur die Flucht nach vorn. Vor zwanzig Jahren brachen in die geschmackvollen Wohnzimmer der Besserverdienenden - jener gnadenlos seriösen Melange aus Antiquitäten, einem Hauch von skandinavischer Avantgarde und dem unvermeidlichen Chrom, Leder, Schleiflack à la Bauhaus - erstmals die quitschbunten Zumutungen der Postmoderne ein.

Das italienische Bürgerschreck-Design der nach einem Bob Dylan-Song benannten Künstlergruppe Memphis oder des Studios Alchimia eroberte die tonangebende Mailänder Möbelmesse und wenig später auch Museumsvitrinen - so im Berliner Kunstgewerbemuseum. Dem Architekten, Maler und Designer Alessandro Mendini als Spiritus rector dieser mittlerweile historischen Geschmacksaufwallung widmet das Leipziger Grassimuseum zum 70. Geburtstag eine mit 150 Objekten, darunter 22 Gemälden, repräsentative Ausstellung.

Nun hat sich der Maestro selbst gegen das ästhetisch verharmlosende Etikett der Postmoderne gewehrt. Allein wer sein umfangreiches kunsttheoretisches Oeuvre, das er als Chefredakteur und Herausgeber der Zeitschriften "Casabella", "Modo" und "Domus" seit 1970 entwickelt hat, zur Kenntnis nimmt, wird in Mendini mehr sehen, als einen gegen die Monotonie funktionalistischer Nachkriegsarchitektur aufbegehrenden Agent provocateur. Doch Mendini wäre nicht Mendini, wenn er nicht auch jene Avantgardisten, die erst ein Manifest verfassen, ehe sie zu Stift und Pinsel greifen, genüsslich persifliert hätte. "Für ein banales Design" ist ein programmatischer Text von 1979 überschrieben, in dem er eine Lanze für den schlechten Geschmack der Massengesellschaft bricht: "Die Essenz des Kitsches: man kann ihn vervielfältigen und er ist vergänglich. Letztlich ist Kitsch das Authentische in Supermarkt-Ausführung, für jedermann zugänglich und erschwinglich: authentisch falsch."

Als Designer hat Mendini das Postulat von der Umwertung aller Werte nicht immer befolgt. Neben den absichtsvollen Banalitäten für die Uhrenfirma Swatch, deren Art Direktor er Anfang der neunziger Jahre war (und die er noch immer künstlerisch berät), sind etliche seiner Objekte für Alessi oder den Mosaikhersteller Bisazza streng limitiert und entsprechend teuer. Handelt es sich nun um aufgeklärt-ironische Gebrauchskunst oder doch nur um überflüssiges Spielzeug?

In Mendinis Kosmos, so behauptet die Leipziger Ausstellung, haben ökonomische wie Gattungsgrenzen keinerlei Bedeutung mehr. Kurator Peter Weiß präsentiert Mendini weniger als interdisziplinären Seelenklempner, der listig mit Emotionen und Stimmungen jongliert, denn als großen Künstler - der er zweifelsfrei auch ist. Nur am Rande erfährt der Besucher, dass Mendini fast alle Projekte zusammen mit seinem Bruder Francesco und einem wechselnden Stab junger Mitarbeiter entwickelt. Gern hätte man einige der flüchtigen Skizzen im A4-Format gesehen, die Mendini seinem Team zur weiteren Ausarbeitung zu überlassen pflegt.

Stattdessen erwartet uns in der nüchternen Büroetage, die das Grassimuseum bis 2005 als Interim nutzen wird, eine Art motivischer Schnipseljagd: Ob Tafelbild, Teppich oder Teekanne - Mendini hat seinen eklektischen, die Oberflächen überwuchernden Ornamentstil schon früh durch Anleihen bei Klee, Kandinsky und der Pittura metafisica geschärft. Chiffrierte Formen einer Urne, aber auch Dekore wie das einem Gemälde des Pointillisten Paul Signac entlehnte "Proust"-Motiv tauchen selbst in Architekturentwürfen auf. Doch die Ausstellung verschweigt so komplexe Mannschaftsleistungen wie die mit Philippe Starck, Michele de Lucchi und Coop Himmelblau entwickelte Struktur des Museums im niederländischen Groningen, wenn lediglich ein wenig instruktives Modell präsentiert wird. Das Werk Alessandro Mendinis, dieses Meisters des Amalgamierens, ist für den Personenkult noch viel zu lebendig.

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