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Rezension "In Zeiten...." : Der Blick der Hineingeborenen

27.08.2011 15:30 Uhrvon

Aus den Tiefen des Realsozialismus: Eugen Ruges Familienroman „In Zeiten abnehmenden Lichts“

Eigentlich sollte man Familienromane für Integrationsprojekte halten. Doch anstatt einen Zusammenhang zu behaupten, zeigen sie meist gerade die Brüche zwischen den Generationen. Im gegenwärtigen Boom des Familienromans wird jener Bruch vorsichtig wieder verkittet, den die westdeutschen „Väter-Bücher“ um 1980 vollzogen hatten. Damals ging es um die Abrechnung mit einer Elterngeneration, die ins NS-System involviert war. Fluchtpunkt des westdeutschen Familiengedächtnisses ist bis heute die Nazi-Zeit geblieben. Die ostdeutschen Generationsgräben verlaufen an anderen Markierungen. Statt Paris ’68 und Deutscher Herbst heißen sie Prag ’68 und Wende.

Die Gretchenfrage lautet: Wie hieltst Du´s mit der Utopie? Am leichtesten ist es, Eltern und Großeltern ihre Verblendungen vorzuwerfen. Interessanter wird es, wenn Kinder der unglaublichen Geschichte dieser Verblendungen nachspüren. Und wenn sie dabei die eigene Selbstgerechtigkeit – die der Nachgeborenen, der vermeintlich Klügeren – auf den Prüfstand legen. Eugen Ruge hat mit „In Zeiten abnehmenden Lichts“ so einen Familienroman aus den Tiefen des realsozialistischen Universums geschrieben.

Ruge lässt vier Generationen aufmarschieren. Am Beginn sehen wir Charlotte und Wilhelm, Urgesteine der kommunistischen Bewegung, Stalinisten. Nach 1933 ins Moskauer Exil geflohen, wird das Paar von der Partei nach Mexiko beordert, bis man 1952 neue Verwendung für sie hat. Als sie endlich zurückkehren, ist ihr politischer Gönner von der Bildfläche verschwunden – es ist die Zeit der antisemitischen Schauprozesse, gegen „Slánsky und Genossen“. Im Nachhinein erweist sich Mexiko nicht als der schlechteste Exilort. Werner und Kurt jedenfalls, die Söhne der beiden, die in der Sowjetunion bleiben mussten, gehen durch Stalins Lager. Werner kommt in Workuta um. Kurt überlebt, heiratet die Russin Irina und kehrt 1956 mit ihr in die fremde Heimat DDR zurück, wo er Historiker der Arbeiterbewegung wird. Als Akademiker geht er zum gröbsten Blödschwafeln wie dem „Zusammenhang von Parteilichkeit und historischer Wahrheit“ sachte auf Distanz, schreibt seine Workuta-Erinnerungen aber erst nach der Wende – Volker Braun würde es den „späten Mut“ nennen.

Bereits Ende der siebziger Jahre steht Kurt seinem Sohn Alexander als einem Studienabbrecher und Wohnungsbesetzer in Prenzlauer Berg gegenüber. Alexander ist beizeiten für „die Sache“ verloren, er ist, mit Uwe Kolbe zu sprechen, ein „Hineingeborener“, der mit erloschenem Blick vorm Werk der Väter steht, aber keine historische Alternative mehr sehen will und kann. Ganz zu schweigen von der vierten Generation in Gestalt von Markus, Alexanders Sohn, der zur Wendezeit ein pubertierender Teenager ist und von seinem Vater nichts hält, weil der die Familie hat sitzen lassen. Ganz klar: Der Grad an Stalinismus-Sättigung nimmt von einer Generation zur nächsten ab.

Nein, ein Figurenschema zwecks Orientierung ist dennoch unnötig. Ruge konturiert sein Personal deutlich, indem er den Figuren kapitelweise das Wort erteilt. Aus Charlottes Sicht erfährt man von Mexiko 1952, Kurt berichtet von der Re-Stalinisierung 1966, Irina erzählt von Weihnachten 1991. Kulminationspunkt ist jedoch der 90. Geburtstag des Partei-Veteranen Wilhelm am 1. Oktober 1989, der aus sechs verschiedenen Perspektiven geschildert wird. Diesem stalinistischen Dinosaurier, der seine Familie permanent als „politisch unzuverlässig“ beschimpft, erspart Ruge fast fürsorglich das Erlebnis des Mauerfalls, indem er ihn noch am selben Tag sterben lässt.

Erzählerisch übt Ruge einen Spagat. Einerseits versucht er, seine Figuren mit eigenem Vokabular und eigener Syntax auszustatten, die Alter und Herkunft entsprechen. Andererseits behält ein verborgener Erzähler die Fäden in der Hand – Kontrollverlust gehört nicht zum ästhetischen Programm. Ohnehin geht es eher traditionell zu, an erwartbaren Motiven mangelt es nicht. Natürlich braucht ein Familienroman seit den „Buddenbrooks“ ein altes Haus, günstig sind zudem ein Ordner mit der Aufschrift „persönlich“ und Dias, die man verbrennen kann. Oft wird hier mehr als nötig ausgemalt und ausgesprochen. Es verwundert ein wenig, dass dieses süffige Breitwanderzählen 2009 den Döblin-Preis gewonnen hat. Narrativ ist das sicher nicht überkomplex – aber überaus clever. Ruges Stimmen- und Zeitenwechsel halten die Lesespannung extrem hoch und machen den Roman zu einem veritablen Pageturner.

Zudem lässt sich mit Vergnügen die Realität entziffern, die in die Fiktion gegossen wurde. Zu Mexiko gehören die kommunistischen Emigranten von Anna Seghers bis Alexander Abusch, der Exil-Verlag „El Libro Libre“ und die Zeitschrift „Freies Deutschland“, die im Roman „Demokratische Post“ heißt. Hinter Neuendorf, wo die Familie lebt, lässt sich unschwer Potsdam-Babelsberg erkennen. Zu den realen Gästen, die der Altkommunist Wilhelm dort empfing, zählten offenbar Walter Janka, Steffi Spira und Karl Schirdewahn. Die Figur des Kurt ist nach dem Vater des Autors, dem DDR-Historiker Wolfgang Ruge, modelliert. Und Alexander, die wichtigste Perspektivfigur, ist zumindest ein Generationsgenosse Ruges, der 1954 in Russland geboren und als Theater-Autor und -Regisseur sowie Tschechow-Übersetzer bekannt wurde.

Der an Krebs erkrankte Alexander wird 2001 seinem Vater Kurt die Ersparnisse aus dem Safe klauen und nach Mexiko reisen. Zur Lebensbilanz drängt es ihn dorthin, wo seine Großeltern 1952 einen spartanischen Jahreswechsel feierten. Es ist die Bilanz eines Kindes der Nomenklatura, fast wie Figuren bei Katja Lange-Müller oder Thomas Brasch. Aber eben nur fast. Alexander passt nicht ins Raster jener Söhne, die vor den Vätern sterben. Schon gar nicht ist er ein entfesselter Ankläger wie Florian Havemann. Alexander ist einer, der nicht über die Dinge hinwegkommt. Weder über seinen als Opfer Hitlers und Stalins doppelt geprägten Vater Kurt, den Historiker, der nun dement durchs Haus irrt. Noch über seine Mutter Irina, die sich nach der Wende zu Tode trinkt. Zu schweigen von seiner Großmutter Charlotte, die vom Tod ihres Sohns Werner im Gulag nichts wissen will und lebenslang an dieser Lüge leidet. Alexander, in Russland geborener Deutscher und Beinahe-Dissident in einer Kommunistenfamilie, hadert mit seinen Zugehörigkeiten. Und er versucht, seine Familie zu verstehen. Dass dieses Verstehen und das Reden darüber meist den Tod der vorhergehenden Generation voraussetzen, ist tragisch. Das zumindest ist im ostdeutschen Familienroman nicht anders als im westdeutschen.

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts. Roman einer Familie. Rowohlt

Verlag, Reinbek 2011.

432 S., 19,90 €.

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