Rezension : Marsch ins Bett

Krieg oder Krieg spielen: "Feuerherz" im Wettbewerb. Der Film basiert auf den Kindheitserinnerungen der deutsch-eritreischen Sängerin Senait Mehari - juristische und politische Rangeleien begleiteten die Filmproduktion.

Harald Martenstein
feuerherz2 Foto: Berlinale
Soldatenausbildung oder Sportunterricht? Letekidan Micael als Awet im lilafarbenen Kleid lernt schießen. -Foto: Berlinale

Am Mittwoch wurden der Verlag und der Autor des Romans „Esra“ zu 50 000 Euro Schmerzensgeld verurteilt. Sie haben einen angeblichen Roman herausgebracht, der offenbar eine nur allzu wahre Geschichte ist. Am Donnerstag lief auf der Berlinale der Film „Feuerherz“. Er erzählt angeblich eine wahre Geschichte, in diesem Falle aber ist es möglicherweise allzu sehr ein Roman. Ja, was soll die Kunst denn nun eigentlich machen?

Wer in diesem konkreten Fall Recht hat, die Bestseller-Autorin, Musikerin und angebliche Ex-Kindersoldatin Senait Mehari oder die Flugblattverteiler vor dem Berlinale-Palast, ist nach dem heutigen Kenntnisstand schwer zu sagen. Der Protest gegen Buch und Film „Feuerherz“ kommt von ehemaligen Weggefährten Meharis, einstigen Kindern der Tsebah-Schule in Eritrea. Wurden dort Kindersoldaten rekrutiert oder nicht? Wenn man versucht, diesen für die Betroffenen sicher wichtigen Konflikt aus dem Blickwinkel der Kunstkritik zu betrachten, kommt man um die Erkenntnis nicht herum, dass die Literatur schon immer mit genau dieser Methode für sich Reklame gemacht hat. Die Bücher von Karl May und „Robinson Crusoe“ wurden als „wahr“ verkauft. Schon im 18. Jahrhundert war es üblich, Romane als „wahre Geschichten“ auszugeben, als ein Tagebuch zum Beispiel, das irgendwo gefunden und vom Autor lediglich „herausgegeben“ wurde. Das Publikum mag es so.

Das Publikum sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass der Wert von Buch und Film nicht davon abhängt, ob etwas „wirklich passiert“ ist. Ob ein Film künstlerisch „wahr“ ist, stellt sich im Kino heraus, wenn sich entscheidet, ob wir, das Publikum, ihm seine Geschichte glauben oder nicht. Alles andere mögen die Gerichte entscheiden.

Dass im Eritrea-Krieg tatsächlich Kindersoldaten eingesetzt wurden, wie in vielen anderen Kriegen auch, bestreitet allerdings fast niemand. Der Film „Feuerherz“ versucht, Krieg mit den naiven Augen eines kämpfenden Kindes zu betrachten, dies ist ihm, alles in allem, nicht schlecht gelungen. Die Schlichtheit des Films hängt vor allem mit seiner Erzählperspektive zusammen. Tatsächlich dürfte „Feuerherz“ zumindest für größere Kinder geeignet sein, zumal sich der Regisseur und Drehbuchautor Luigi Falorni („Die Geschichte vom weinenden Kamel“) mit der Darstellung von Gewalt so weit zurückhält, wie es bei diesem Thema gerade eben geht. Auch Vergewaltigungen und Misshandlungen der Kindersoldaten spart Falorni aus, von Ohrfeigen abgesehen. Im Vergleich zur Wirklichkeit der Kinderkriege, wie Menschenrechtsorganisationen sie schildern, wirkt das harmlos. Dass „Feuerherz“ im Grunde ein Kinder- und Jugendfilm ist, lässt ihn im Wettbewerb einer Berlinale als einen Fremdkörper erscheinen. Nach der Pressevorführung rührte sich keine einzige Hand zum Beifall.

Gedreht wurde in Kenia, in der eritreischen Landessprache Tigrinya. Wir sehen also die großen Augen der zehnjährigen Awet (Letekidan Micael), die von ihrer Schwester aus der behüteten Klosterschule der Hauptstadt zum Vater geholt wird, ins Rebellengebiet, wo zwei rivalisierende Armeen um die Unabhängigkeit von Äthiopien kämpfen, hauptsächlich aber, und viel erbitterter, gegeneinander. Awets Truppe befindet sich auf dem Rückzug, ein zusammengewürfelter Haufen aus Frauen, Männern, Jugendlichen und Kindern, die zunächst für Hilfsdienste eingesetzt werden und sogar eine Art Schulunterricht bekommen. Das wirkt abenteuerlich und, in Kinderaugen, reizvoll, bis die ersten Leichen im Fluss treiben.

Es gehört zu den Stärken des Films, dass er die Kinder nicht einfach als Verführte darstellt. Im Gegenteil, Awet will ans Gewehr, gegen den anfänglichen Widerstand der Erwachsenen. Spielen nicht die meisten Kinder gern mit Gewehren? Die Charaktere in „Feuerherz“ sind, bis auf die Heldin, durchweg einfach gestrickt, mehr als eine Eigenschaft gönnt der Film ihnen nicht. Das Ganze bleibt eine OneKid-Show. Auch die Wendung der kleinen Awet von der begeisterten Soldatin zur Pazifistin, die heimlich die Patronen aus den Gewehren nimmt, kommt etwas unvermittelt, ein Meisterwerk psychologisch glaubwürdigen Erzählens sieht anders aus. Wenn man „Feuerherz“ aber als ein Märchen begreift, das jungen Zuschauern vom Unterschied zwischen dem Kriegspielen und dem echten Krieg erzählt, funktioniert es.

Heute 9.30 und 18.30 Uhr (Urania), 22.30 Uhr (International), 17. 2., 16 Uhr (Cinemaxx 3)

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