Rezension : Sie schlugen ihn und küssten nicht

„Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ feiert die Flucht in die Fantasie.

Philipp Lichterbeck

Das erste Kapitel: ein Kracher. Was auf 370 Seiten folgt: ein Feuerwerk. „Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao“ explodiert förmlich vor wunderbaren Volten, birst vor Fabulierlust, sprengt alle Genregrenzen. Magischer Realismus trifft auf Star-Trek auf Spanglisch auf Hip-Hop. Junot Díaz hat sich nach elf Jahren mit solcher Wucht zurückgemeldet, dass er 2008 nicht nur den Pulitzer-Preis gewann, sondern von der Zeitschrift „New Yorker“ auch prompt zu einem der 20 wichtigsten Schriftsteller des 21. Jahrhunderts ausgerufen wird.

Geboren in der Dominikanischen Republik, aufgewachsen in den USA, erzählt der 40-Jährige eine Familiengeschichte zwischen dem flirrenden Santo Domingo und der postindustriellen Tristesse New Jerseys. Man denkt zunächst, das kennt man: Da weiß einer nicht, wo er hingehört; lebt zwischen zwei Kulturen, hier nicht integriert, dort nicht akzeptiert. Doch dann schert sich Díaz einen Dreck um das ganze Identitätsblabla und erzählt eine irre, pupillenweitende, herzbrechende Story.

Der Held ist ein armes Würstchen namens Oscar, der mit seiner riesenbusigen Furie von Mutter und seiner magnetischschönen Punkerschwester Lola in einem Vorort aufwächst. Mit sieben Jahren hat Oscar zuletzt ein Mädchen geküsst, aber das war noch zuhause, in Santo Domingo. Denn nach der Übersiedlung in die USA wurde er so fett, dass er – wenn überhaupt – gerade noch Mitleid beim weiblichen Geschlecht auslöst.

„Überall sonst wäre seine Trefferquote von null Komma gar nichts einfach ignoriert worden“, beschreibt Díaz das Dilemma, „aber wir reden hier über einen dominikanischen Jungen in einer dominikanischen Familie: Der Typ hätte es hammermäßig draufhaben, er hätte zehn Weiber an jedem Finger haben müssen.“ Und so rät „tío Rudolfo“ seinem Neffen: „Schnapp dir eine Hässliche, eine fea, y metéselo!“ So steht es in der gut gelaunten deutschen Übersetzung (steck ihn ihr rein, meint der Onkel), und es ist nicht das einzige Mal, dass die dominikanische Umgangssprache sich schamlos in die erzählerische Syntax schmuggelt. Ein zehnseitiger Index am Ende des Buchs verschafft Klarheit, was etwa „Popola“ (Muschi) oder „lambesacos“ (Arschkriecher) bedeuten.

Der bemitleidenswerte Oscar flüchtet sich in ein Paralleluniversum aus fantastischer Literatur und Science-Fiction-Serien, zu denen sich mit andauernder Jungfräulichkeit ernstzunehmende Selbstmordfantasien gesellen. Oscar lernt dann zwar doch noch ein Mädchen kennen, aber sie will nur reden. Er beginnt zu schreiben, verfasst Superheldenliteratur, träumt davon, der dominikanische Tolkien zu werden. Da ahnt er freilich noch nicht, dass auf ihm und seiner Sippe ein megamäßiges fukú lastet: der Fluch, der mit Kolumbus in die Neue Welt kam und dessen unumstrittener Herrscher im 20. Jahrhundert der dominikanische Diktator Rafael Trujillo ist.

Es ist fantastisch, wie Díaz von New Jersey über Mittelerde in die Karibik und zu Oscars unsichtbarem Gegenspieler Trujillo kommt, der die Dominikanische Republik zwischen 1930 und 1961 wie eine Orange ausgepresst hat: „Er war unser Sauron, unser Arwan, unser Darkseid, unser einstiger und künftiger Diktator, eine so haarsträubende und perverse, schauderhafte personaje, dass sie nicht einmal ein Science-Fiction-Autor hätte erfinden können.“ So steht es in einer der ellenlangen Fußnoten, die man zunächst widerwillig zur Kenntnis nimmt und am Ende verschlingt. Mit Trujillo beginnt Díaz, um Oscar herum eine Familiensaga über drei Generationen aufzubauen, die den Roman zu einer Meditation über persönliches Schicksal und kollektive Verantwortung weitet.

Das Unglück beginnt in den vierziger Jahren mit Oscars Großvater Abelard, der das Pech hat, seine schönen Töchter so sehr zu lieben, dass er sie der „Fickfresse“ nicht überlassen will. Denn Trujillo nimmt sich das Recht, die schönen Töchter seiner halben Insel selbst zu entjungfern – also fast alle. Wer sich widersetzt, wird von Trujillos Geheimdienstgorillas behelligt – was den Mädchen auch nicht weiterhilft. Abelard, ein angesehener Chirurg, verschwindet für immer im Folterkeller. Seine Frau wird überfahren und die beiden Töchter, um die es geht, ebenfalls. Einzig die kleine Belicia überlebt und kommt bei einer Großkusine unter.

Doch schon in der Pubertät wächst Belicia zu einer Verkehrsstaus provozierenden Sexbombe heran, und einer von Trujillos Gangstern wirft ein Auge auf sie. Der Mann ist – des fukús nächster Streich – allerdings mit Trujillos Schwester verheiratet, so dass Belicia, schwanger, in ein Zuckerrohrfeld gebracht wird, dem Schlachthaus der Diktatur. Abgeschlachtet wird mit Baseballschlägern. Aber Belicia überlebt, zieht in die USA und wird Oscars vor Wut brodelnde Mutter. Auch der dicke Oscar steht später der Liebe zu einer Hure wegen im Zuckerrohrfeld. So viel zu Familienflüchen.

All das berichtet Díaz aus wechselnden Perspektiven, und es gelingt ihm dabei nicht nur, stets den Druck in seinem literarischen Dampfkochtopf aufrechtzuhalten. Er etabliert auch einen völlig neuen Sound, eine Stimme, die mit derselben Glaubwürdigkeit über Trujillo wie über Tolkien und die Nöte übergewichtiger Teenager spricht.

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