Kultur : Rezeptesammlung Der Künstler als Hausfrau:

Knut Ebeling

Wenige Künstler, die in den vergangenen zehn Jahren an den Tisch Berliner Künstlerprominenz gebeten wurden, haben dort so gut gespeist wie Manfred Pernice. Seit seinen ersten Auftritten in der Galerie Neu und spätestens seit seinem fulminanten Auftritt auf der ersten Berlin Biennale sitzt Pernice mit am Tisch der Künstler, die in Berlin ein Wörtchen mitzureden haben. Nachdem seine hoch aufgerichteten Tatlin-Türme zu einer Art Ikone der post-ideologischen Skulptur avancierten, die sich noch dazu kunsthistorisch veredelt zeigte, durfte man gespannt sein, was Pernice als Nächstes auftischen würde.

Pustekuchen, Resteessen! Bereits die Einladung zu seiner ersten Ausstellung in den Galerieräumen in der Philippstraße signalisierte, dass er den hohen Erwartungen keinesfalls nachkommen würde. Ästhetisch ist seine Einladung der Schlag ins Gesicht, den Künstler immer schon gern verteilen: Die Postkarte ziert ein rustikaler Teller, auf dem "Restepfanne" geschrieben steht. Hat der international gefeierte Piepenbrock-Preisträger denn nichts Frisches mehr auf Lager? Bleibt ihm nur die Einladung zur Resteverwertung und uns künstlerische Gammelware? Sollte sich Pernice wirklich einer so plumpen Metaphorik bedient haben?

Die Show vermag wenigstens die semantischen Fragen zu klären. Alle anderen überlässt Manfred Pernice seinen Besuchern. Die Ausstellung zeigt auf den ersten Blick, dass mit den Resten zwar in der Tat etwas Übriggebliebenes gemeint ist. Die sozialistischen Versatzstücke, die Pernice in vier Vitrinen auslegt, die abgeschlagenen Kacheln und herumliegenden Dosen sind eindeutige Verweise auf frühere Arbeiten. Doch ist Pernice gute Hausfrau genug, um die Reste nicht als Abfall zu verachten, sondern als Keimzellen wertzuschätzen. Der Resteteller, den er seinen Gästen zumutet, ist weniger End- als Zwischenstation, eine Art Rezeptsammlung für neue Kunst.

Pernice leistet sich den Luxus, die postsozialistischen leftovers so unprätenziös und unvorteilhaft wie möglich zu präsentieren. Als wollte er zeigen, dass er sich von den Ausstellungen rund um den Globus keineswegs hat beirren lassen, quetscht er seine vier Vitrinen in eine Ecke des Ausstellungsraumes. Sie stehen auf zu hohen Beinen und zitieren das übelste Ikea-Design der achtziger Jahre. Doch damit nicht genug. Als wollte Pernice demonstrieren, dass schlechter Geschmack durchaus keine kapitalistische Erfindung ist, prangen auf den Vorderseiten der Vitrinen, deutlicher noch als ihr Inhalt, ebenso schaurige sozialistische Erinnerungsstücke: fotografierte Segelboote im Sonnenuntergang und rote Schleifen auf zerfleddertem Geschenkpapier.

Um den desolaten Eindruck zu vervollkommnen, hat Pernice zwischen zwei Vitrinen noch eine Art Jukebox mit zwei Radioweckern eingebaut. Dabei wird die Krone der Untertreibung der Präsentation von jenem Gartenschlauch aufgesetzt, den der Künstler am unteren Ende einer Vitrine befestigt: So lässt sich eine Arbeit noch weiter entleeren, die ohnehin schon mit der Leere der von ihr präsentierten Zeichen spielt. Wer sich angesichts dieser Ambivalenz an die souveränen Selbstunterbietungen des vor fünf Jahren verstorbenen Martin Kippenberger erinnert fühlt, der hat einen Teller mit Jagdwurst und Teigwaren gewonnen.

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