"Rheingold" bei den Bayreuther Festspielen : Das Weitwerden der Welt

Frank Castorfs Ring-Zyklus ist zum letzten Mal bei den Bayreuther Festspielen zu sehen. Den Auftakt machte jetzt "Rheingold". Eindrücke einer Besucherin.

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"Rheingold" in Bayreuth, mit Ian Paterson (2.v.r.) als Wotan.
"Rheingold" in Bayreuth, mit Ian Paterson (2.v.r.) als Wotan.Foto: dpa

Die Götter ziehen über die Regenbogenbrücke nach Walhall, das ist der Schluss. Natürlich gibt es bei Frank Castorf keine Regenbogenbrücke, aber dafür – Einholung der alten Flagge der alten Welt, Aufzug der Flagge der neuen Welt – eine Regenbogenfahne, in die ein leichter Zukunftswind fährt. Aber wir hören die Brücke und noch viel mehr: großer Friede, Fernnahglück. Die ultimativen Noten des Nachhausekommens. Und zum ersten Mal machen die Rheintöchter, was die Musik und die Evolutionstheoretiker unter uns verlangen: werden ganz Welle und Gischt, Bewusstseinsinseln im Wasser. Was für ein Schluss! Was für eine Inszenierung! Was für Darsteller! Was für ein Orchester unter Marek Janowski! Es ist ein Weltweitwerden von innen. Und dann verlässt das Publikum das Festspielhaus und sieht weit gespannt obendrüber: einen großen Regenbogen. Lachen und die Auslöser von hunderten Mobiltelefonen.

Was ist das? Der Himmel über Bayreuth erweist Frank Castorf seine Reverenz. Denn der Mann, eine Art Wotan unter den Regisseuren, hat nicht nur sein Walhall in Berlin verloren, auch seine Ring-Inszenierung aus dem Wagner-Jahr 2013 wird in diesem Sommer zum letzten Mal gezeigt. Übrig bleibt nur „Die Walküre“. Weil da am wenigsten Castorf drin ist? In Bayreuth leugnet man das energisch, sie sei nun mal die Schönste der vier Gleichen-Ungleichen. Aber wie will Castorfs Nachfolger dieses „Rheingold“ übermalen? Allein der Anfang! Obwohl der Anfang eine Frechheit ist, eine Ohrfeige für alle, die in diesem ungeheuren Es-Dur-Dreiklang untergehen wollen, in dem es noch kein Oben, kein Unten, nichts Festes, und uns schon gar nicht gab. Das Wiegenlied der Welt.

Drei Mädchen am Pool

Und was macht Castorf? Reißt schon nach wenigen Augenblicken den Vorhang auf, und da lümmeln drei Mädchen der eher leichteren Art am Pool, vor diesem 60er-Jahre-Motel, irgendwo an der Route 66 in der amerikanischen Provinz. Das heißt, nur zwei lümmeln, die dritte pflückt Dessous von einer Wäschespindel am Pool. Am Ende hängt da nur noch ein rotes Höschen, und das zu dieser Weltursprungsmusik. Und doch ist es großartig.

Castorf hat genau das erkannt, was schon der Kritiker des „Münchner Vaterlands“ bei der Uraufführung bemerkte. Er teilte seinen Lesern im September 1869 den unumstößlichen Eindruck mit, geradewegs in ein „Hurenaquarium“ geschaut zu haben. Drei akut gelangweilte Süßwassersirenen machen also das, was alle Sirenen tun: Sie warten, dass jemand vorbeikommt. Alberich! Selten ist eine erotische Destruktion lustvoller ins Werk gesetzt worden. Alexandra Steiner, Wiebke Lehmkuhl und Stephanie Houtzeel überbieten sich auch stimmlich in lasziver Pool-Frivolität. Alberich (Albert Dohmen) kann nicht mehr tun, als Zeuge seiner Erniedrigung zu sein. Ihn zu sehen und zu hören, heißt wieder zu wissen: Tiefste Demütigung macht selbst den Friedfertigsten tendenziell zur tickenden Zeitbombe, gestern wie heute, doch zu den Friedfertigen gehört der Nachtalbe eben nicht. Und weg ist das Gold. „Maßlose Macht“ statt Liebe!

Der Serbe Aleksandar Denić hat diesem Rheingold eine nahezu geniale Bühne gebaut. Eine kleine Drehung nur, und der Eingang des Motels kommt in den Blick, mit Tankstelle davor und Telegrafenmasten über dem Vordach wie auf einem Bild von Edward Hopper. Ein großer schwarzer Mercedes hält, die Göttergesellschaft steigt aus: „Vollendet das ewige Werk!“ Walhall steht, es gibt nur noch ein Problem mit der Immobilienfinanzierung. Wenn noch irgendein Nichteinverständnis übrig gewesen sein sollte, spätestens jetzt müsste es verstummen. Hier ist nichts nur Einfall, nichts bloß schräg. „Der Ring des Nibelungen“ ist „Das Kapital“ Richard Wagners, Castorf hat das in aller spielerischen Konsequenz erkannt.

Virtuose Videotechnik

Das 60er-Jahre-Empfinden, in einen unendlich offenen Fortschrittshorizont hineinzugehen, ist originäres Wotan-Anfangs-Bewusstsein. Meine Burg und ich! Und wozu gibt es Kredite? Und wozu gibt es Mädchen, zumal für oberste Götter? Als Fricka ihr „Wotan, Gemahl erwache!“ singt, steht sie direkt neben dem Liebes- Bett ihres Mannes. Überhaupt Fricka! Mag sein, Wagner hat ihren Part nicht mit der größten inneren Anteilnahme komponiert, aber Tanja Ariane Baumgartner singt das einfach weg. Fast möchte man das ganze „Rheingold“ nur in ihrem Gesicht mitlesen, und das ist möglich dank der virtuosen Videotechnik, die wie eine zusätzliche Kommentarebene ist: Denn sie zeigt meistens nicht den, der gerade singt, sondern die, die nicht singen. Darum spielen, permanent beobachtet, alle wie um ihr Leben. Irgendwann ist man erstaunt, dass die auch noch singen können.

Die unbezahlten Bauarbeiter Fasolt und Fafner kommen als mafiöses Überfallkommando. Günther Groissböck und Karl- Heinz Lehner zerlegen die Tankstelle, als hätten sie nie anderes gemacht. Und die sprechenden Gleichzeitigkeiten! Zu dem so zentralen „Was du bist, bist du nur durch Verträge ...“ schlägt Fasolt den Kopf des Barmannes gegen die Glasscheibe. Wagner wäre beeindruckt von soviel Präsenz und Präzision bis zum halben Augenaufschlag Wotans (Iain Paterson). Und Castorf füllt jede Note, das geht soweit, dass die Musik mitunter als kongenialer Soundtrack zum Stück wirkt. Perfektion des Gesamtkunstwerks! Es ist schon jetzt eine große Begegnung des Teilzeit-Anarchisten Castorf mit dem Teilzeit-Anarchisten Wagner.

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