Kultur : Ribbentrops Gastgeber

Heinrich und Gottliebe von Lehndorff: Antje Vollmer über ein Ehepaar im deutschen Widerstand

Hannes Schwenger

Als „Doppelleben“ hat Gottfried Benn seinen Rückzug vom Lob des Nationalsozialismus in eine passive Resistenz als Militärarzt beschrieben. Antje Vollmer hat sich diesen Buchtitel für ihre Biografie des Ehepaars Heinrich und Gottliebe von Lehndorff ausgeliehen, die als Mitverschworene des 20. Juli 1944 gleichzeitig und unfreiwillig Gastgeber von Hitlers Außenminister Ribbentrop waren. Auf sie trifft das Wort vom Doppelleben sogar weit genauer zu als auf Benns halbherziges Versteckspiel, denn Lehndorff war seit 1937 eingetragenes Mitglied der NSDAP, aber ab 1942 als Ordonnanzoffizier und heimlicher Kurier zwischen Stauffenberg und seinen Mitverschworenen aktiv im Widerstand gegen Hitler. Dessen ostpreußisches Hauptquartier „Wolfsschanze“ lag in unmittelbarer Nähe von Lehndorffs Landgut und Wohnsitz Schloss Steinort.

Dort hatte sich 1941 Joachim von Ribbentrop einquartiert, um in der Nähe seines Führers standesgemäß zu residieren. Gottliebe von Lehndorff durfte sich mit Blumen und teuren Geschenken von ihrem Hausgast den Hof machen lassen, bis sein Verhalten nach Lehndorffs Verhaftung und Hinrichtung 1944 in eisige Distanz umschlug. Gottliebe von Lehndorff und ihre Kinder wurden zeitweise in Sippenhaft genommen und aus Schloss Steinort verwiesen. Nur der zwielichtige SS- General und Himmler-Stellvertreter Karl Wolff vermittelte die letzte, briefliche Verbindung der Eheleute Lehndorff. So ist uns wenigstens der Abschiedsbrief Heinrich von Lehndorffs erhalten geblieben, der allerdings wenig Auskunft über seine politischen Motive und Wandlungen gibt, sondern um seinen Halt im christlichen Glauben kreist.

In den Aufzeichnungen, die SS-Chef Ernst Kaltenbrunner für Hitler über die Verhöre und darin ermittelten Motive der Verschwörer anfertigen ließ, tritt Lehndorffs kirchliche Bindung hinter seine politischen Motive zurück. An erster Stelle werden dort seine Ablehnung der „Volkstumspolitik im Osten“ und der „Ausschaltung des Judentums“ genannt, ferner Kritik an korrupten NS-Führern und „eine geradezu defätistische Ansicht vom Krieg“. Aber auch Lehndorffs kirchliche Bindung war wohl nicht ohne politischen Hintergrund, schließlich ließ sich das Ehepaar Lehndorff durch Martin Niemöller trauen, den Mitgründer der „Bekennenden Kirche“. Leider ist Kaltenbrunners Bericht fast die einzige – noch dazu trübe – Quelle, die über den politischen Menschen Lehndorff Auskunft gibt. Selbst die Verhörprotokolle und Prozessakten von Gestapo und Volksgerichtshof sind vernichtet; lediglich ein Verhandlungsbericht eines von Goebbels bestellten Prozessbeobachters ist erhalten. Er wurde kurioserweise erst nach 1990 im zentralen Parteiarchiv der SED gefunden.

Am wenigsten wissen wir darüber, was Lehndorff bewogen hat, 1937 der NSDAP beizutreten; nicht einmal sein Aufnahmeantrag ist erhalten. War es, wie Antje Vollmer spekuliert, „weil er wie viele ostdeutsche Adelige in der Nähe der revolutionären Sowjetunion vor allem antikommunistisch eingestellt war?“ Oder „aus Gründen eines gewissen Rebellentums jener Generation zwischen den Fronten, denen der alte Konservativismus zu mutlos, zu verzopft erschien“? War es die Erwartung, wenn der Nationalsozialismus seine extremen Seiten ablegen würde, werde er eine moderne Bewegung, „sozial und national zugleich“? Und wie dachte Frau Gottliebe über diesen Schritt, die den Antisemitismus der Nazis aus eigener Überzeugung von Anfang an ablehnte? Antje Vollmer vermutet, dass ihr Mann seinen Aufnahmeantrag bereits längere Zeit vor der Heirat 1937 gestellt hatte: „Wusste sie davon? Hat er sie gefragt? Wir wissen es nicht.“

Solche Wissenslücken verhindern, dass Vollmers Lebensbild der beiden Lehndorffs eine wohlfundierte politische Biografie genannt werden kann. Politisch ist an ihr vor allem die Absicht der Autorin, sich von den in der Nachkriegspolitik beider deutscher Staaten wechselnden Bewertungen des militärischen Widerstands gegen Hitler freizumachen, um ein unverstelltes Bild der beteiligten Personen zu gewinnen. Dabei muss sie aber feststellen, dass Heinrich von Lehndorff selbst „alle aktuellen Dokumente aus der Zeit der Konspiration vernichtet haben dürfte. Deswegen sind Originalfunde aus den 30er und 40er Jahren rar. Dennoch finden sich, forscht man intensiver nach, einzelne Bruchstücke, Erinnerungen, Bilder, Beschreibungen von Freunden und Verwandten, aber auch von Feinden, die zusammengesetzt ein eigenes, besonderes, deutliches Bild von dem Menschen ergeben, den wir suchen“.

In dieser Absicht erliegt sie allerdings der Versuchung, einzelne Fundstücke und Bilder passend zu ihrem Wunschbild zu interpretieren. Ein Beispiel: In ein Foto aus Steinort, das die Lehndorff-Kinder (eines davon das spätere Modell Vera/„Veruschka“) in Begleitung ihrer Eltern vergnügt an der Hand Ribbentrops zeigt, liest sie gegen den Augenschein bewusste Distanz und kindlichen Widerstand hinein. Als wären nicht Kinder und geschmeichelte Eltern jederzeit dem Charme eines „guten Onkels“ – selbst Adolf Hitlers – aufgesessen.

Solcher Umdeutungsversuche bedarf es gar nicht, um Heinrich von Lehndorffs moralische Integrität und Widerständigkeit zu beglaubigen. Dass er darin als Christ, Soldat und Ehrenmann aus preußischem Landadel handelte, sollte Demokraten – ob schwarz, gelb, rot oder grün – genügen. Die „raren“ Befunde, die Antje Vollmer zusammengetragen hat, sprechen für sich und für ihn. Unter ihnen findet sich sein Abituraufsatz zum Thema „Wie denke ich über die Notlüge?“, der eine einfache Antwort darauf gibt, wie Heinrich von Lehndorff die Widersprüche seines Doppellebens im Führerstaat zwischen Dienst- und Menschenpflicht bewältigt hat: „Jede Notlüge ist erlaubt, wenn ihr Ursprung nur Menschenliebe ist.“



– Antje Vollmer:

Doppelleben. Heinrich und Gottliebe von Lehndorff im Widerstand gegen Hitler und Ribbentrop. Eichborn Verlag, Frankfurt am Main 2010.

406 Seiten, 32 Euro.

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