Kultur : Rirkrit Tiravanija: Held der Arbeit

Peter Herbstreuth

Man könnte meinen, Künstler seien die letzten Helden der Arbeiterklasse. Noch in den sechziger Jahren nannten sie das, was sie herstellen, "piece", also Werkstück oder "Teil". Heute nennen fast alle Künstler das, was sie tun, "Arbeiten". Nur Kontextkünstler sprechen mit Anklang an den Berufsstand der Anwälte und Ärzte gerne von "Kunstpraxis"; denn bei ihnen geht es um Prozesse. Selbst Maler nennen ihre Bilder selten Gemälde oder Werk und schon gar nicht Kunstwerk, sondern in allen europäischen Sprachen: "meine neue Arbeiten".

Bei Rirkrit Tiravanija ist alles anders. Um seine Ausstellung anzukündigen, ließ er die Galerie ein weißes Blatt verschicken, auf dem nur "Ne travaillez jamais" (Arbeiten Sie nie) in handgeschriebenen Lettern stand. Bedeutsam ist das fehlende Satzzeichen. Man weiß nicht, ob es sich um eine barsche Frage oder um einen Befehl handelt. In der Galerie steht die Ergänzung an der weißen Wand: "Zeit ist mein Kapital". Es geht um Ökonomie und symbolischen Tausch. Der zwischen Berlin, New York und Bangkok pendelnde Künstler wird aufgrund seiner früheren Arbeiten in der Kunstwelt sofort mit Kochen in Verbindung gebracht. Richtig daran ist nur: Er pflegt die Gesetze der Gastfreundschaft als unreglementierte öffentliche Angelegenheit wie kein anderer. Und er macht daraus keine Fetische, wie es Daniel Spoerri einst mit konservierten Essensresten tat, sondern organisiert Tischgesellschaften als ästhetisch-soziale Ereignisstruktur. Nach dem Essen ist vor dem Essen. Es bleibt nichts als das reine Erleben in geselliger Runde wie bei einem Fußballspiel. Das Kapital ist die verbrachte Zeit, nicht die Akkumulation der Spielzüge, Gesten und Essensreste für den Markt.

Volumen, Maß und Oberfläche

Doch Kapital, so sagt man, muss arbeiten, also kommunikative Wirksamkeit entfalten und Verbindungen eingehen, die für Bewegungen sorgen. Da vielleicht schwer fällt, in diesem Fall zwischen sozialem und ästhetischen Handeln zu unterscheiden, hier ein Beispiel: Als die Modedesignerin Vivienne Westwood 1992 in den Buckingham Palace geladen wurde, um wegen ihrer Verdienste für die britische Bekleidungsindustrie geehrt zu werden, erschien sie in einem transparenten Kleid, unter dem sie nichts als ihren bloßen Körper trug: Volumen, Maß und Oberfläche einer klassischen Skulptur. Die Dienerschaft des Palastes hob erstaunt die Augenbrauen und registrierte stumm die kleine Exzentrik. Die Geladenen hingegen übersahen galant, was sie wirklich sahen. Durch geschickte Abweichung manifestierte das unverwechselbare Kleid die Moral, Haute Couture zu tragen. Denn man muss sie zu tragen wissen, als sei sie nichts. Die Präsenz der Kleidung - eine lässige Hülle - geriet unter Westwoods Scharfsinn zur schärfsten Differenz zwischen ästhetischem Handeln in sozialem Zusammenhang. Diese Differenz kommt auch bei Tiravanijas ästhetischem Unternehmen zum Tragen - freilich völlig desexualisiert. Man steigt einige Treppen in die Galerie hinauf und steht in einem Pool mit Oberlicht. In der Ferne dümpelt ein Schlauchboot. Zwei Blätter der Fleischerinnung liegen auf der Oberfläche, zwei weitere kleben an der weißen Wand. Der Durchgang zum Büro, wo gearbeitet wird, ist vermauert. Drei tanzende Flammen stehen davor. Am Fenster hängt ein kleines Foto und zeigt den Blick vom Dach hinunter auf die Straße zu einem Fleischerladen (Preis der Installation auf Anfrage). Der Blick gewinnt Raum, in Gedanken zu schauen und sich an dies und das zu erinnern. Zeit ist sein Kapital.

Tiravanija bindet Aspekte der Form an die Einladung zur Kommunikation. Ästhetisches und soziales Handeln werden zum dynamischen Paar. Im Ruhezustand hat die Anordnung der Teile im Raum nur den Status einer Ausgangsform. Sie kann aber jederzeit imaginative Beziehungen stiften. Was bei Westwood die transparente Hülle, das ist bei Tiravanija die Möglichkeitsform. Behauptet wird ein Kunstbegriff, den man von den textilen Werksätzen eines Vordenkers wie Franz Erhardt Walter herleiten kann oder von einem Handlungsbegriff, der in Ländern mit buddhistischen und hinduistischen Traditionen den Skulpturen am Wegesrand zukommt. Die Kräfte der Skulpturen sind nur wirksam, wenn sie durch Handlungen oder Gaben aktiviert werden, die man tragen können muss. Bleiben sie aus, lassen die Kräfte nach. Der symbolische Tausch hält sie lebendig. Dieser kann in einer Galerie auch darin bestehen, dass man sie kauft und Verständigen weitergibt. Beuys hat dieser Idee die Krone aufgesetzt, als er eine unsichtbare Skulptur teuer verkaufte. Billig wirkte sie nicht.

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