Kultur : Ritter des Lichts

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SCHREIBWAREN

Steffen Richter entdeckt

einen großen Vergessenen wieder

Mal ehrlich, wie viele Bücher gibt es eigentlich, auf die man auch verzichten könnte? Doch dann sind da die anderen: richtig gut – und zu Unrecht vergessen. Eines davon ist Albert Vigoleis Thelens „Die Insel des zweiten Gesichts“. Albert… wie?, höre ich fragen. „Die Insel des … was“? Kaum einer kennt noch Thelen. Den Literaturgeschichten ist er durch die Raster gerutscht. Also werde ich emsig die Werbetrommel für diesen wackeren Dichter und seinen tolldreisten Roman schlagen.

Thelen wurde in Süchteln an der niederländischen Grenze geboren. Schon 1931 verließ er das ungemütliche Deutschland und ging nach Mallorca. Hitler hat ihn gejagt, vor Franco musste er fliehen, Salazar vertrieb ihn aus Portugal. Viel Feind, viel Ehr, sollte man meinen. Aber nichts da. Er und seine lebenskluge Gefährtin Beatrice blieben immer „unten liegend, im Kielraum ihres Lebensschiffes, wo sich die Grundsuppe sammelt“. Seit 1954 lebte Thelen als Hausmeister in der Schweiz. Erst kurz vor seinem Tod 1989 ist er verarmt nach Deutschland zurückgekehrt.

Die Kritik schwelgte, als die „Insel“ 1953 erschien. Siegfried Lenz und Paul Celan gratulierten, Maarten’t Hart hält den Roman noch heute für „das größte Buch dieses Jahrhunderts“. Die Geschichte dieses wunderbaren Emigrations-, Schelmen-, Abenteuer- und Liebesromans spielt sich in den Dreißigerjahren auf Mallorca ab. Mit von der Partie sind ein anarchistischer Graf, ein revolutionärer Schuster, die Grafen Kessler und Keyserling, „ein paar Philosophen, der und jener Vegetarier“. Das clowneske wie melancholische Treiben verteilt sich auf 1000 Seiten, regiert von Thelens Kaktus-Stil, seiner Poetik der Abschweifung.

Nun, der Autor wurde zum „Doctor humoris causa“ der Dülkener Narren-Akademie ernannt und zum „Ritter des jungen Lichts“ geschlagen. Ansonsten kümmern sich vor allem Lokalpatrioten vom Niederrhein um ihren Liebling. Nun stellt Cornelia Staudacher Albert Vigoleis Thelen am 14.4. im Literaturhaus vor (um 20 Uhr). Dazu prädestiniert sie ihr Thelen-Porträt „Wanderer ohne Ziel“ (Arche), veröffentlicht im letzten Herbst zum Doppeljubiläum. Für Thelen wäre es der 100. Geburtstag gewesen, für seinen Roman der 50. Der Schauspieler Friedhelm Ptok liest aus der „Insel“ (Claassen).

Von Mallorca in Charlottenburg geht es nach Neuseeland im Prenzlauer Berg. Dort treffen sich in der Literaturwerkstatt am 15.4. um 20 Uhr Philippe Temple und Nigel Cox . Temple kam erstmals 1987 nach Berlin. Bekannt wurde er mit Bergsteiger- und Entdecker-Büchern. In seinem letzten Roman „To Each His Own“ schickt er einen neuseeländischen Historiker kurz vor dem Mauerfall für Recherchen nach Berlin. Das Interesse an deutscher Geschichte teilt Temple mit seinem Landsmann und Schriftsteller-Kollegen Nigel Cox, der als Kurator des Jüdischen Museums tätig ist.

Ebenfalls am 15. April lässt sich begutachten, woran die jüngste deutsche Literatur werkelt. Vier Stipendiaten der Autorenwerkstatt im LCB - Katharina Berger, Jasmin Hermann, Thomas von Steinaecker und Thomas Weiss - geben im Literarischen Salon der Allianz eine Probe ihres Könnens (20 Uhr). Besagter Salon befindet sich in der VIP-Lounge (in der 30. Etage!) An den Treptowers 1 in Treptow.

Am 19.April schließlich ist Colson Whitehead mit seinem Roman „John Henry Days“ (Hanser-Verlag) in der Stadt. Darin geht es um den Afroamerikaner John Henry, der 1870 mit Manneskraft gegen eine Bohrmaschine antrat, siegte und daraufhin zur amerikanischen Legende wurde. Das Buch ist äußerst kontrovers aufgenommen worden. Nun besteht die Gelegenheit, sich in der Buchhandlung Hacker und Presting (Leonhardtstr. 22, Charlottenburg, 20 Uhr) einen eigenen Eindruck von dem umstrittenen Werk zu verschaffen. Manchmal kann kurzes Zuhören ja auch helfen, langes Lesen zu vermeiden.

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