Kultur : Rob Houwer und Peter Schamoni im Gespräch: Pardon wird gegeben

Hans-Jörg Rother

Künsterische Einzelgänger - das waren bisher Peter Schamonis Film-Helden, ob Robert Schumann oder Caspar David Friedrich, ob Max Ernst oder Niki de Saint Phalle. Politik dagegen stand den Figuren wohl ebenso fern wie Schamonis sensiblen, mal auf fiktive, mal auf dokumentare Art geschaffenen Porträts. Nun nähert er sich dem letzten deutschen Kaiser: Vielleicht weil er in Wilhelm II. eine verborgene Künstlernatur entdeckte, die das vom Hof bestimmte Leben an der Entfaltung hinderte?

Die Malversuche, deren fragmentarische Ergebnisse er gestandenen Künstlern gnädig zur Vollendung überließ, können es nicht gewesen sein, wohl aber seine darstellerischen Fähigkeiten. Die ganze Kindheit über hatte man ihn gedrillt, die geringe Beweglichkeit des linken Armes, ein Geburtsfehler, zu kompensieren. Nun zahlten sich die Torturen aus. Furchtlos führte er zu Pferde Paraden an, und auch zu Fuß machte er allzeit gute Figur, zur Freude der Kameramänner, deren Gegenwart er sichtlich genoss.

Gewidmet hat Schamoni den Film den "unbekannten Kameraleuten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit einer neuen Technik eindrucksvolle Filmdokumente geschaffen haben". Auch ein Farbfilmversuch von 1913 ist unter seinen Trouvaillen: eine cineastische Sensation. Mit digitaler Technik hat er die Funde aufbereitet, nicht ohne ihnen, bedenklich dies, Geräusche und Wortfetzen zu unterlegen. Aber den Filmpionieren hat er nicht wirklich nachgeforscht. Ihn zog die Gestalt jenes Kaisers magisch an, der, so meinen Schamoni und sein Historiker-Gewährsmann Nicolaus Sombart, zu Unrecht zum Sündenbock wurde.

Wilhelm II. muss ein unruhiger, motorischer Mensch gewesen sein. Paraden, Jagden und Reisen kamen ihm gerade recht, um seinem Bewegungs- und Selbstdarstellungsdrang Luft zu verschaffen. Eitelkeit war auch im Spiel. Sie allein aber kann etwa die vielen Reisen nach Korfu und zu norwegischen Fjorden nicht erklären. Schamoni präsentiert die Landschaften in betörend schönen Aufnahmen - als sollten nicht zuletzt sie beweisen, dass der Mann auf seine Weise ein Kulturmensch war.

Doch war Wilhelm nicht auch, trotz halbenglischer Herkunft, ein Nationalist, der den Wahn von Deutschlands Stärke zu Wasser und zu Lande predigte und den Weltkrieg zumindest nicht verhinderte? Hatte nicht er, 1900 zum Boxeraufstand in Chnia, die berüchtigte "Hunnenrede" gehalten: "Pardon wird nicht gegeben. Gefangene werden nicht gemacht."? Den Kriegsausbruch 1914 sieht der Film als Ergebnis einer Kabinettspolitik, vor der Wilhelm II. ans Nordkap entwichen war. War die Stellung des Kaisers in der konstitutionellen Monarchie so unbedeutend? Hier zeigen sich die Grenzen eines Films, der kein politischer sein will, aber eine brisante Biographie ins Licht rückt, und die Grenzen eines imaginativen Stils.

Schamoni hat sich seinen Gestalten stets gern angeschmiegt. Mit dem letzten deutschen Kaiser, der große Mitverantwortung am ersten europäischen Völkergemetzel jenes Jahrhunderts trägt, muss dies misslingen. Doch hinter der Ironie, die Mario Adorf als Erzähler und Otto Sander als Stimme Wilhelm II. artikulieren, verbirgt sich eine beträchtliche Sympathie. Marschmusik greift nach dem Zuschauer, als gelte es, die Begeisterung der Menge - auch der Sozialdemokraten? - für den "Reisekaiser" zu teilen. Am Ende: ehrfürchtige Museumsstille im Haus Doorn.

"Etwas Licht in die so weit entfernte wilhelminische Zeit" wollte Peter Schamoni bringen. "Mehr Licht!" wäre, mit Goethe gesprochen, wohl angemessener gewesen.

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