Kultur : Robert Kurz springt nach Gusto von Quelle zu Quelle

Mark Terkessidis

Obschon er ein entschiedener Gegner des Kapitalismus ist, hat Robert Kurz die neoliberalen neunziger Jahre ziemlich gut überstanden. 1991 landete er mit seiner düsteren Prognose vom "Kollaps der Modernisierung" einen kleinen marxistischen Bestseller. Seitdem hat er seine Zusammenbruchsvisionen mal auf dieses, mal auf jenes Thema angewandt, um pünktlich zur Jahrhundertwende mit seinem bisherigen Hauptwerk zurück zu sein: Dem "Schwarzbuch Kapitalismus", dem ultimativen "Abgesang auf die Marktwirtschaft".

Bereits im "Kollaps" hatte sich Kurz entschieden, die Gesellschaft ausschließlich unter dem Aspekt der "abstrakten Arbeit" zu betrachten. Bei dieser Arbeit gehe es gar nicht mehr um die Produktion von Gebrauchswert, meinte Kurz, sie sei Bestandteil der schieren "Selbstbewegung des Geldes". Im "Schwarzbuch" verfolgt Kurz den Prozeß, in dem Arbeit zum seelenlosen Selbstzweck wurde. So unterscheidet er drei industrielle Revolutionen. In der ersten, die Ende des 18. Jahrhunderts begann, sei menschliche Muskelkraft durch Maschinen ersetzt worden. Während der zweiten zu Beginn des 20. Jahrhunderts habe man die im System der Maschinen tätige Arbeitskraft rationalisiert, "gleichsam robotisiert". In der dritten schließlich, die soeben im Gange ist und sich auf elektronische Prozesse stützt, werde die Arbeitskraft überflüssig.

Kurz schildert die Verwandlung menschlicher Sozialwesen in "Arbeitsgesellschaften" als Geschichte von Vertreibung, Ausplünderung, Gewalt und Verelendung. Dabei wehrt er sich zu Beginn des Buches gegen den Mythos, die Einführung des Kapitalismus habe wohlfahrtssteigernd gewirkt. In seinem Versuch der Widerlegung allerdings zeigt sich schon früh im Buch die ganze Unlauterkeit des Kurzschen Gesamtprojekts. Nirgendwo findet man auch nur einen Literaturüberblick, der die Überprüfbarkeit der Behauptungen halbwegs garantieren würde. Kurz hangelt sich von einer beliebigen Quelle zur anderen. Munter geht es hin und her zwischen den Ernährungsgewohnheiten eines Würzburger Zimmermanns und den Reallohnstatistiken eines englischen Kollegen.

Diese Vorgehensweise passt perfekt zur Kurzschen "Methode". Nachdem der ehemalige leninistische Dogmatiker die Kritik der Warenform in den Mittelpunkt der Analyse gerückt hat, sind ihm empirische Daten nichts anderes als Lumpen über dem Skelett der sakrosankten Theorie. Wo Marx komplizierte Mechanismen zu verstehen suchte und feine Differenzen zwischen den Begriffen erläuterte, wird bei Kurz alles gleich: Arbeit, Ware, Geld, Wert.

Ideologiekritik gibt es reichlich im "Schwarzbuch", wobei Kurz stets suggeriert, dass jeder Gedanke, den die Befürworter des Liberalismus äußern, bereits die kapitalistische Realität selbst ist. Außerdem behandelt Kurz literarische und theoretische Werke vollkommen gleich. Daher begleitet eine seltsame und völlig beliebige Galerie von immer wieder attackierten Chefideologen den Leser durch das Buch: Hobbes, Mandeville, de Sade, Smith. Besonders angetan hat es Kurz jedoch die Lektüre des britischen Juristen Jeremy Bentham. Dabei war es eigentlich Michel Foucault, der dessen Überlegungen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Modell für die sich damals durchsetzende Disziplinargesellschaft beschrieb.

Der hemmungslose Dogmatiker

Indem nun Kurz Bentham als Zeugen für die Schrecken der "abstrakten Arbeit" aufruft, verdaut er auf seine Weise das Werk Foucaults. Auch das ein Prinzip Kurzschen Schaffens: Vereinnahme die differenzierten Theorien durch Aneignung einiger, aus dem Zusammenhang gerissener Grundgedanken.

Freilich ignoriert der Kurzsche Kapitalismusbegriff jede progressive Kritik der letzten zwanzig Jahre. Sein Entwicklungsmodell ist auf den Westen zentriert. Der fungiert als Schrittmacher, und alle Gegenbewegungen - seien es jene der ehemals realsozialistischen Länder oder jene der "Dritten Welt" - haben seiner Meinung nach immer nur auf das westliche Modell zugearbeitet. Bei Kurz wird selbst der Gulag zur "zeitlich komprimierten Wiederholung der frühkapitalistischen Schrecken". Mit der heutigen "liberalen Weltmarkt-Demokratie", meint er, sei der finale Höhepunkt erreicht und von der Warte des prophezeiten Zusammenbruchs aus wirkt die Geschichte als logisches Präludium der Katastrophe.

Robert Kurz ist ein hemmungsloser Dogmatiker, wobei es keinen Gedanken in diesem Buch gibt, den man nicht woanders besser ausgeführt bekommen würde. Doch was macht Kurz so erfolgreich? Mit seiner Idee von der "Arbeitsgesellschaft" und seinen Invektiven gegen die Arbeit ist er so etwas wie der marxistische Bruder des allzeit präsenten Ulrich Beck. Während Beck den realpolitischen Flügel bedient, kümmert sich Kurz sozusagen um die enttäuschten "Fundis". Die sind zwar nicht mehr engagiert, wollen aber periodisch bestätigt haben, wie schlimm alles ist.

Theorie für enttäuschte Fundis

Denen gefällt es auch, wenn Kurz am Ende feststellt, daß der Kampf gegen den Kapitalismus heute allein eine "Bewußtseinsfrage" sei. Seine Lösung lautet: "Kultur der Verweigerung". Früher hieß das wohl: innere Emigration.

Dennoch ist das Elend der Kurzschen Theorie sicher kein Grund zur Häme. Denn schließlich bleibt er einer der wenigen, die noch die Möglichkeit haben, antikapitalistische Kritik in die Öffentlichkeit zu tragen. Um so trauriger macht die Lektüre. Während all die guten, neuen Ansätze linker Kritik nicht zur Kenntnis genommen werden, sorgen mit Kurz ausgerechnet die letzten Zuckungen eines bankrotten Marxismus-Leninismus für Furore.Robert Kurz: Schwarzbuch Kapitalismus - Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft. Eichborn. 2000. 816 Seiten, 68 Mark

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