Robert Mapplethorpe : Schock und Schönheit

Was bleibt, wenn die Zensur geht? Mapplethorpe fotografierte aus seinem schwulen Leben. Zu sehen bei C/O Berlin im Postfuhramt.

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Handreichung. Selbstporträt des Fotografen von 1975. Foto: Robert Mapplethorpe Foundation
Handreichung. Selbstporträt des Fotografen von 1975.Foto: Robert Mapplethorpe Foundation

Als Schwule noch nicht als Menschen galten und Fotografie noch nicht als Kunst, in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, wollte der blutjunge Robert Mapplethorpe in New York dringend ein berühmter Künstler werden. Seine Methode war so durchschlagend, dass sogar George W. Bush sie im Irak-Krieg zur offiziellen Taktik der USA erklärte: „Shock and awe“. Noch unter dem Eindruck des Schocks breitet sich Ehrfurcht aus.

Mapplethorpe fotografierte aus seinem schwulen Leben. Er huldigte dem Körper. Er fotografierte Freunde in biblischen Posen. Er leuchtete Blumen aus. Er machte von seinen Freunden Porträts. Nackte Schwänze im Mittelformat schockierten die Amerikaner derart, dass Museen Fördermittel gestrichen und Bilder abgehängt wurden.

Fortan hat man häufig nur Teile seines Werks ausgestellt, je nach Belastbarkeit der Zielgruppe:  Guggenheim Berlin stellte ausgewählten Körperstudien manieristische Druckgrafik aus dem 16. Jahrhundert gegenüber. Das Selbstporträt, das ihn mit einer Peitsche im Hintern zeigt, wurde öfter besprochen als gezeigt. Offenbar war Mapplethorpe nur in homöopathischen Dosen zumutbar. Nur die Blumen, die führten ein Eigenleben. Die waren inzwischen tauglich für Kühlschrankmagneten.

Aber ein Skandal ist immer eine Frage des Zeitpunkts. Was also bleibt, wenn die Zensur geht? Der Versuch einer Antwort ist nun bei C/O Berlin im Postfuhramt zu sehen, der Fotogalerie, die noch immer bangt, ob sie über den 31. März hinaus in ihren Räumen bleiben darf.

Es ist eine üppige Retrospektive. Über 180 Bilder von der Mapplethorpe Foundation geliehen, und zum ersten Mal liegt ein Schwerpunkt auf den frühen Polaroids und damit auch auf der künstlerischen Entwicklung. Polaroids, ursprünglich als Vorstudien zu den eigentlichen Aufnahmen benutzt, ersetzten für den klammen Mapplethorpe lange teures Filmmaterial. Aber die Themen sind alle schon angelegt: Ein männlicher Akt an einer Kommode lehnend mit beeindruckendem Geläut. Der Ausschnitt einer Backsteinwand. Küssende Kerle. Patti Smith, mädchenhaft, schmollmündig, von unten aufblickend, die von sich selbst noch kaum etwas weiß.

Dinge, die einem heilig sind, hat der ehemalige Messdiener Mapplethorpe einmal gesagt, gehören für einen Katholiken auf einen Altar. Auf seinem Altar, schrieb seine Gefährtin Patti Smith in „Just Kids“, liegt der Eros. Und natürlich hängen sie hier, die Werkzeuge der Lust: Gespannt, gestreckt, aufrecht, den Hosenbund sprengend, riesige Schatten werfend. Adern, Haare und Haut. Da bleibt nichts dem Zufall überlassen. Mapplethorpe war kein zufälliger Zeuge, wie Nan Goldin es war, die aus einem ähnlich aufreibenden Leben eine völlig andere Bildsprache destilliert hat. Mapplethorpe dokumentiert nicht, er inszeniert seine Bildidee mit Helmut Newton’scher Unbeirrtheit.

Nebenan hängen die sexualisierten Tulpen, oben seine fragmentarischen Körperstudien. Man sieht hier nicht nur, wozu Robert Mapplethorpe fotografisch in der Lage war, sondern auch, wozu eine Hasselblad und analoges Filmmaterial in der Lage sind: Der ganze menschgewordene Klassizismus, diesmal nicht in Marmor, sondern porentief sichtbar mit Haut und Haar. Unter der Tarnkappe der perfekten Form zieht der männliche Leib erneut in die Museen ein.

Und hier wirkt diese Ausstellung auf einmal ungeheuer historisch. Ihre schwarz-weiße Genauigkeit, die Statik der Objekte. Die Oberflächenpolitur in einer sagenhaften Präzision. Ästhetisierung. Glanz. Glätte. Die Fotos reduziert, fragmentarisch. Projektionsflächen müssen leer sein. Manche sagen, mit dem Wandel der Moral ist aus dem Stöhnen ein Gähnen geworden. Sind hier die Abzüge schärfer als die Aussage?

Im Erdgeschoss ist ein Raum den Fotografien von Patti Smith gewidmet. Sie hat er anders aufgenommen, über die Jahre immer wieder. Wie in einem wissenschaftlichen Versuch kann man zusehen, wie sich die Bildsprache des Fotografen im Verhältnis zu seiner alten Freundin entwickelt: von beiläufigen Polaroids, Außenaufnahmen, Schnappschüssen gleich, zu immer genauer ausgefeilten Inszenierungen. Patti Smith schneidet sich die Haare ab. Patti im Kleid mit Tauben. Drei Bilder mit Hosenträgern, von denen eines ihr berühmtes Plattencover für „Horses“ wurde. Da ist Patti mit Schmetterling drapiert, mit langem, sorgfältig gelegtem Haar, die Hand an der Brust. Seine Polaroid-Patti ist zur Plattencover-Patti geworden. Ihre Haltung wird aufrechter, seine Fotografie entschiedener. Mapplethorpe ist jetzt nicht mehr Beobachter, er gibt die Anweisungen. Es bleibt die Geschichte einer Ermächtigung.

C/O Berlin im Postfuhramt, Oranienburger Str. 35/36, bis 27. 3.; tägl. 11-20 Uhr.

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