Kultur : Rock around the Glocke

24 Stunden Schiller: Künstler und Politiker lesen in der Berliner Akademie

Marius Meller

Schlafende auf Feldbetten. Ab und zu ein Schnarcher. Mit sanfter, den Umständen entsprechend mütterlicher Stimme liest die Schauspielerin Susanna Kraus aus Schillers „Geisterseher“: „...endlich überwältigte mich der Schlaf. Spät nach Mitternacht erweckte mich eine Stimme – eine Hand fuhr über mein Gesicht...“ An der Rückwand des Saales ist auf einem Großbildschirm ein psychedelisch verfremdeter Riesenschiller zu sehen. Ein rundlicher Mann mit Rauschebart, dessen Kopf auf einer ausgestopften Tragetasche mit der Aufschrift „Deutscher Bundestag“ ruht, zuckt im Schlaf kurz zusammen. Die Stimme: „Meine Fantasie hatte diese Begebenheit im Traum fortgesetzt, und nun wurde mir auch die Wahrheit zum Traume.“ Vier Kameras schieben sich geräuschlos zwischen den Feldbetten hin- und her. Das ZDF überträgt die Schlafaktion live im digitalen Theaterkanal.

Das ist kein Big Brother für Intellektuelle. Kein öffentliches Schlaflabor. Und auch keine Installation von Rosemarie Trockel. Das ist die nächtliche Chill-Out-Zone der offiziellen Eröffnungsveranstaltung des Schillerjahres 2005.

Wer in Australien eine Satellitenschüssel hat und mal eben in den ZDF-Theaterkanal zappen würde, könnte den Berliner Schläfern live dabei zuschauen, wie sie vom „Geisterseher“ nichts mitbekommen. Der Australier würde vielleicht denken: „Was für ein friedliches Volk sind die Deutschen doch geworden! Sie lassen sich dabei filmen, wie sie schlafend mit ihrem Nationaldichter berieselt werden. Sie wollen keine Helden mehr sein. Es geht ihnen gut.“

Das sind so Nachtgedanken. In Berlin ist es halb sechs Uhr morgens. Seit siebzehneinhalb Stunden wird nonstop Schiller gelesen, und in Australien, bei den Antipoden, läuft Formel-1-Grand-Prix. Schillers Antipode an diesem Abend: Michael Schumacher. Ist aber ausgeschieden.

Nicht, dass ein falscher Eindruck entsteht – vor der beeindruckenden Schlafphase der verbliebenen fünfzehn Gerechten waren fast 5000 feuertrunkene Schillerfans in der nagelneuen Akademie der Künste am Pariser Platz zu Gast, die meisten bis nach zwei Uhr morgens. Gingen feldbettskeptisch zum Schlafen nach Hause, aber kamen tags darauf durchaus zahlreich wieder! Punkt 9 Uhr 30! Kaum erklärbar ohne echten Götterfunkensprung. Kulturstaatsministerin Christina Weiss und Akademiepräsident Adolf Muschg hatten die ebenso pragmatische wie geniale Idee, den Schillerakt mit einer inoffiziellen, vorgezogenen Einweihung der neuen Räumlichkeiten der Akademie zusammenzulegen. Am 9. Mai, Schillers 200. Todestag, hätte eine Jubelfeier zu Ehren eines Nationaldichters peinlich wirken können oder wäre übertönt worden – in direkter Nachbarschaft zu den Gedenkveranstaltungen zum Kriegsende. Und Adolf Muschg konnte so noch vor der offiziellen Eröffnung des neuen Akademiegebäudes am 21. Mai den nicht unumstrittenen Behnisch-und-Partner-Bau dem Publikum präsentieren, als Geste der Offenheit – und um die Kritiker des 56-Millionen-Euro-Gebäudes zu bekehren.

Das ist Muschg gelungen. Die großzügigen, luftigen Treppenkonstruktionen in der quasi fertigen Akademie haben den zwingenden geometrischen Reiz von Piranesis „Carceri“ und M. C. Eschers absurden Architekturen, verkehren aber deren Bedrohlichkeit vollkommen ins Helle und Freundliche – ein idealer Abenteuerplatz für das, was Kant und Schiller das „freie Spiel der Einbildungskraft“ nannten, für das Basistraining jeden Künstlers. Und die exquisiten Sichtachsen über den Pariser Platz auf die Quadriga, die französische Botschaft und den Reichstag waren zuvor nur für Gäste aus den direkt benachbarten Hotel-Adlon-Suiten zu genießen.

„Schiller 24“ – der Titel der Marathon-Lesung mag manch einen wackeren Bildungsbürger unangenehm an Geldautomaten oder Homebanking erinnern. Und viele unkten im Vorfeld von der „Eventisierung“ des Klassikers. Über hundert Politiker, Schauspieler, Künstler und Autoren und DJs rezitieren von 12 Uhr samstags bis 12 Uhr sonntags ausschließlich Texte des schwäbischen Heißsporns: Das hätte auch daneben gehen können. Immerhin gibt es bei Schiller Wendungen, die unfreiwillig komisch sein können. Dieser Effekt reicht von Caroline Schlegel, die 1798 an ihre Tochter schrieb, sie sei bei der „Glocke“ vor Lachen fast vom Stuhl gefallen, bis Harald Schmidt. Aber das Risiko-Projekt von Frau Weiss, Herrn Muschg (und Text-Arrangeur Hermann Beil) bewies wunderbarer Weise, dass es – ganz ohne Zwang – anders geht: Es scheint auch heute noch für Schiller ein sicheres Diesseits der Verulkung zu geben – auch diesseits der professionellen Bühne.

In den weiten, lebendigen Textflächen der 24 Stunden wurde eines klar: dass man in jeder Schillerschen Stilblüte einen aufregenden Gedanken vermuten muss. Mag Goethe auch eine Augenbraue hochgezogen haben, als er in einem berühmten Brief von Schiller aus dem Jahr 1794 las, hier verschmitzt vorgetragen von „Soloalbum“-Star Matthias Schweighöfer, dass er, Goethe, ein „neues Griechenland gebären“ möge – und nicht etwa zeugen. Die Formulierung ist bizarr, aber möglicherweise goutierte Goethe diese Form des gender trouble doch mehr, als er sie belächelte: weil ihm die Aufhebung der Geschlechterrolle im produktiven Akt schon lange Thema war, nicht erst seit dem „Prometheus“.Für die von Journalisten schwer umschwärmte Christiane Paul, nachdem sie sehr charmant den „Handschuh“ rezitiert hat, sind die Sympathien klar verteilt: Die Frage „Schiller oder Goethe?“ beantwortet sie im Modus des feministischen Backfischtums – einer interessanten Kombination: Goethe sei ihr immer so „frauenvernaschend und wohlgenährt“ vorgekommen; Schiller sei einfach intensiver für sie als jungen Menschen.

Während Ulrich Matthes, der gruselige Goebbels aus Hirschbiegels Führerbunker, das komplizierte Langgedicht „Die Künstler“ ganz klar und humanistisch transparent werden lässt, steckt seiner Ex-Filmgattin, der großen Corinna Harfouch, bei ihrer Elisabeth im Duo mit Nina Hoss alias „Mary Stewart“ noch ein Hauch Kino-Nazisse in den Knochen. Überraschungsgast George Tabori wird sanft auf das Podium geleitet, gestützt auf einen edlen Ebenholz-Silber-Stock, und beschränkt sich auf beiläufige Aphoristik: „... der Württemberger ohne Wein / Kann der ein Württemberger sein?“

Richard von Weizsäcker – hier einziges bekanntes CDU-Mitglied weit und breit – rezitiert unnachahmlich mild-soldatisch „Die Kraniche des Ibykus“, und Jürgen Trittin hat seine Knittelverse aus dem „Tell“ perfekt geübt: Souverän und nur mit innerem Schmunzeln beschließt er, den einst die „Bild“ zum Schläger verfälschte, den großen Auftritt des Stauffacher auf dem Rütli nach Art des virilen Spontis: „Der Güter höchstes dürfen wir verteidigen / Gegen Gewalt – Wir stehn vor unser Land, Wir stehn vor unsre Weiber, unsre Kinder.“ Otto Schily, der „Die Polizey“ lieber dem Millionenspieler und Ekel-Alfred-Erfinder Wolfgang Menge überlässt, strukturiert den am verschachtelten Kant’schen Satzbau orientierten Traktat „Über das Erhabene“ geradezu ordnungspolitisch.

Der Plakatkünstler und bekennende Genosse Klaus Staeck steht nach seiner Lesung aus den Briefen über die „ästhetische Erziehung des Menschen“ im V.I.P.-Bereich unter dem Dach der Akademie – eine gemütliche Version der Kommandobrücke von Raumschiff Enterprise – er habe zwar vor „Schiller 24“ durchaus Bedenken gehabt. Aber die seien gänzlich ausgeräumt. Künstler müssen auf ihre Intuition setzen, „Künstler sind Risiko-Wesen. Ist doch toll: rund um die Uhr – das hat etwas Schillermäßiges, etwas Schnupftabakiges. Wir verbeugen uns bis zum Bluthusten.“ Christina Weiss sieht zufrieden aus, und Gastgeber Adolf Muschg schmunzelt ganz eidgenössisch morgens um drei: „Der Autor war stark genug für die Akademie.“

Sonntag kurz vor zwölf brummeln dann alle mit, natürlich die Ode „An die Freude“, die künftige Europa-Hymne: „Brüder, fliegt von euren Sitzen, / Wenn der volle Römer kreist, / Lasst den Schaum zum Himmel sprützen: / Dieses Glas dem guten Geist.“ Der ist immer noch willig, nur das Fleisch wird langsam schwach.

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