Kultur : Rock-Schule

Deutsche Schüler schreiben Songtexte, die bewegen

Kai Müller

Das Gedicht hat als Leitmedium des Gefühls ausgedient. Wer etwas sagen will, das ihn im Innersten aufwühlt und martert, der schreibt einen Song. Wobei ein Song ohne Musik noch immer nur ein Gedicht ist, wie der Sammelband „Auf den letzten 100 Metern wird gerannt“ jetzt anschaulich macht. Doch das von der School-Jam-Initiative angestoßene Projekt, das Schüler aller Schulformen ab der fünften Klasse aufforderte, Liedtexte zu schreiben und für einen Wettbewerb einzureichen, zeigt auch, wie virtuos das rhythmisierte Dichten mittlerweile gehandhabt wird. Wenn die hundert in dem kleinen Bändchen versammelten Lyrics Standard sind, braucht man sich über die Zukunft deutschsprachiger Popmusik keine Sorgen mehr zu machen.

Die Texte der Jugendlichen strotzen nur so vor Lebenserfahrung. Es sind Skizzen einer alltäglichen Gewalt, scharf pointiert wie in „Jeden Tag“ des 14-jährigen Gymnasiasten Henning Brink. Darin geht es um einen Jungen namens Markus, der von seinen Mitschülern gequält wird. Sie ziehen ihm Plastiktüten über den Kopf oder verprügeln ihn. „Eines Tages geschieht es wieder“, hebt die letzte Strophe an, „Doch dieses Mal kann’s keiner glauben:/ Er wacht nicht wieder auf!“. Das ist erschütternd in seiner Einfachheit.

Dass Tod und Gewalt sich auffallend oft der Songsprache bemächtigen, wirft ein Schlaglicht nicht nur auf die schleichende Kälte, mit der es die Jugend immer ungeschützter zu tun bekommt. Sie steigern auch das dramatische Potenzial dieser Kunstform, die unter deutschen Musikern zu selten für Erzählungen genutzt wird. Den ergreifendsten Song hat denn auch eine Zwölfjährige geschrieben. „Engel aller Engel“ ist ein bewegender Abschied von dem älteren Bruder, der in einem Baggersee ertrunken ist. Wie sich hier das persönliche Schicksal, Trauer und Wut mit den Floskeln ratloser Erwachsener vermischen und in der rhythmisch-strukturierten Wiederholung der Sätze („Ich vergesse dich nicht“) so etwas wie Zuversicht entsteht, das markiert die Anziehungskraft dieses Dichtens, das keinem Reim und jambischen Versmaß gehorchen muss. Es folgt seinem eigenen Beat.

Auch stößt man in dem Sammelband nicht auf die Auswüchse dessen, was als Bildungsmisere den Blick auf die Schüler seit geraumer Zeit trübt. Denn der Songtext funktioniert intuitiv. Man merkt sofort, wenn jemand auch nur andeuten will, wie intelligent er ist. Dabei kann es durchaus um so komplexe Dinge wie Krieg gehen. „Papa, sag ...“ von Jeanette Reussner, 17, entwickelt die verhängnisvolle zerstörerische Dynamik eines Krieges aus der Perspektive eines kleinen Jungen. Der begreift nicht, warum sein Vater auf dem Boden liegt, woher das Blut kommt, warum die Mutter nicht da ist. Die Schwester zerrt ihn fort. Die Unübersichtlichkeit der Situation ist verheerend, sagt dieser Song und entwickelt daraus seine eindrücklich-perfide Logik: Als die Mutter auf der Szene erscheint und ihr Haus in Flammen aufgehen sieht, stürzt sie hinein und ins Verderben. Pathetisch? Ja, aber gut. Kai Müller

„Auf den letzten 100 Metern wird gerannt“, hrsg. von Gerald Dellmann. Voggenreiter-Verlag, Potsdam. 12,95 €.

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