Kultur : Rohkost und Rohrpost

Silvia Hallensleben

Puschels Pub Ruf gründet gastronomisch bislang allenfalls auf die rustikale After-Work-Versorgung benachbarter Presseeinrichtungen in der Potsdamer Straße. Doch alles fließt, und so gibt es nun auch am östlichen Ende der Pohlstraße einen dieser „Beachgarden“ ohne natürliche Wasseranbindung – dafür mit Hochbahn-Ambiente und anspruchsvollem Kulturprogramm. So wird hier am Sonnabend der Tiergartener Komponist Stephan von Bothmer auf dem Piano die Stummfilm-Konzert-Open-Air-Saison des örtlichen Stadtteilvereins eröffnen, unterstützt auch durch Film: Mit Fritz Langs Spionen ist stilvolle Großstadtaction angesagt. Der Film, 1928 zwischen „Metropolis“ und „M“ entstanden, knüpft mit seiner Geschichte um einen internationalen Spionagering und vielen Hightech-Gadgets wie Rohrpost und Telefon an vor-expressionistische Kinotraditionen an und geht mit seinem smarten Agenten Nr. 326 (Willy Fritsch), rasanten Verfolgungsjagden und einem im Rollstuhl sitzenden Oberbösen auch gut als Ur-007 durch. Eine Liebesgeschichte mit einer geheimnisvollen Gegenagentin gibt es selbstverständlich auch.

Viele alte Filme, von denen Kopien durchaus noch vorhanden sind, können wegen ungeklärter Verwertungsrechtsfragen im Kino nicht mehr gezeigt werden. Jetzt hat eine leicht anders gelagerte Rechtsangelegenheit auch einen aktuellen Film erwischt. Am Montagabend wird im International zum letzten Mal Bruce LaBruces The Raspberry Reich vorgeführt, bevor er vermutlich für lange, lange Zeit im Regal verschwindet. Denn nach einem Urteil des Pariser Großinstanzgerichts darf die schwule Politsatire nach dem 23. August nicht mehr gezeigt werden. Jürgen Brüning, der Berliner Produzent des Films, wurde zu einer Strafe von 17 800 Euro wegen Urheberrechts- und Markenverletzung verurteilt.

Umstritten war der Film des kanadischen Undergroundregisseurs LaBruce von Anfang an. Das vor zwei Jahren auf dem Panorama der Berlinale uraufgeführte schrille Pornospektakel erzählt von einer bunten Gruppe schwuler Terroristen, die sich deutlich am Vorbild der Rote-Armee-Fraktion orientieren und ihre Embleme fröhlich mit anderen Deutschenklischees mischen. Geklagt aber hat nun die Tochter des 2001 verstorbenen kubanischen Fotografen Alberto Korda, von dem das weltberühmte Che-Guevara-Porträt stammt, das einst viele linke WG-Zimmer schmückte. Auch im Film ist es, geziert von gut ausgestatteten Jünglingskörpern, mehrfach zu sehen. Das Missfallen von Frau Diana Evangelina Diaz Lopez daran mag verständlich sein – doch was, wenn immer mehr ungnädige Einzelpersonen über den künstlerischen Umgang mit Objekten verfügen, die längst kulturelles Allgemeingut sind? Wenn die Welt vollständig privatisiert ist, wird wohl nichts mehr zu zeigen bleiben.

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