Kultur : Rolfs Netzwerk

NIKOLAUS BERNAU

Schlanke Jungs mit kräftigen Muskeln rahmen das Schmuckblatt zum 25.Geburtstag der schweizerischen Zeitschrift "Der Kreis".Blaue Strichzeichnungen, die an die schwule Ikone des "Blue Boy" von Gainsborough erinnern.Im Zentrum des Blattes steht eine falsch gewölbte griechische Trinkschale, aus der eine Flamme stark gezügelt aufsteigt.Um Männer geht es, um die hehre Antike als Vorbild gesellschaftlicher Gleichberechtgung der Männerliebe.Die stilisierte Flamme steht für das Begehren, aber auch dessen gesellschaftliche Bändigung.Von 1932 bis November 1967 existierte die Schweizer Schwulenzeitschrift "Der Kreis": Zeitweilig war sie das wichtigte Magazin ihrer Art, verbreitet in ganz Westeuropa, den USA und selbst in der DDR.In den besten Zeiten, Ende der fünfziger Jahre, hatte das Blatt knapp 2000 Abonnenten.Die Bedeutung des Blattes fußte nicht zuletzt auf dem Verbot der bis dahin führenden deutschen Publizistik 1933, die sich naturgemäß auf die Schweiz nicht erstrecken konnte.

Das Schwule Museum in Berlin ruft nun die Autoren, Redakteure, Künstler, Fotografen und vor allem die Leser dieser Zeitschrift wieder in Erinnerung.Zusammengestellt wurde das vielgestaltige Gruppenbild von Karl-Heinz Steinle, der schon für die Ausstellung der Akademie der Künste "100 Jahre Schwulenbewegung" zu diesem Thema forschte.Zu sehen sind - etwas unübersichtlich angeordnet, wenn auch sehr gelungen gehängt - Zeitungsausschnitte, zahlreiche Fotos einzelner Personen und gesellschaftlicher Ereignisse, von Festen, Ausflügen und Theateraufführungen.Außerdem Aktbilder jeder Gattung, vom Cowboygenre über dem Landarbeiter bis zum schmalen Sportler.

Mit knappen Erläuterungen versehen, entfaltet sich ein ganzes Netzwerk von Beziehungen zwischen den Machern und den Konsumenten der Zeitschrift.Das Schwule Museum liefert so auch die Illustration zu der gründlichen historischen Untersuchung der Zeitschrift, die der Amerikaner Hubert Kennedy unternahm (Hubert Kennedy, Der Kreis.Eine Zeitschrift und ihr Programm.Bibliothek Rosa Winkel 1999, 337 S., 32 DM).Leider schlugen sich Kennedys Ergebnisse über die Produktionsbedingungen eines Schwulenblattes in einer schwulenfeindlichen Umgebung kaum in der Ausstellung nieder.Es geht um Bilder und um Personengeschichten.

"Der Kreis" war keineswegs ein pornographisches Blatt, auch wenn die deutschen Behörden 1957 tatsächlich eine Ausgabe auf den Index stellten.Ganz im Gegenteil.Vor allem wollten die Macher die bürgerliche Assimilation.Bereits das nüchterne Layout, die karge Sprache vieler politischer Artikel, aber auch die Konzentration auf literarische Texte und die Dreisprachigkeit weisen darauf hin.Immer wieder geht es um den Kampf gegen Diskriminierung und für Gleichberechtigung.Diesem Ziel wurde auch die Bildausstattung unterworfen.Manches Foto und manche Strichzeichnung in der Ausstellung wirken geradezu verklemmt, erst in den fünfziger Jahren werden die Posen lockerer.Da darf auch mal das Unzeigbare gezeigt werden.Frontalaufnahmen waren bis zuletzt verpönt.

Trotz der 1942 liberalisierten Schweizer Gesetze, die immerhin die Homosexualität an sich, wenn auch erst jenseits der Altersgrenze von 20, legalisierten, mußte der Chefredakteur "Rolf" immer wieder um sein Blatt kämpfen.Deswegen gab es auch ein ausgefeiltes System von Synonymen, unter denen die Autoren schrieben, so wie auch die Abonnentenkartei nur "Rolf" und einem Kollegen zugänglich war.Im Alltagsleben war er einer der berühmtesten Schweizer Schauspieler, Karl Meier.Sein Lebenswerk ging ironischerweise auch am eigenen Erfolg zugrunde, an der beginnenden Schwulenbewegung, die nicht mehr höflich im Café tagte, sondern die Straße eroberte.

Das die Zeitschrift tragende Vereinsleben in Zürich hörte bereits 1960 auf.Ende der sechziger Jahre übernahmen die freizügigen skandinavischen Magazine einen Teil von "Rolfs" Markt und die kämpferischen amerikanischen Schwulenblätter einen weiteren.Leider sehr versteckt hängt eines der bezeichnendsten Ausstellungsstücke: das erste Heft des amerikanischen Magazins "Los Angeles Advocate", das 1968 sein Erscheinen auf der Titelseite mit der Schlagzeile "Der Kreis kaputt" eröffnete.

Schwules Museum, Mehringdamm 61, bis 25.Juli, Mi - Sa 14-18 Uhr, Do 14-21 Uhr, Führungen Sa 17 Uhr.Katalog 14,80 DM.

0 Kommentare

Neuester Kommentar