Kultur : Rollende Road Schau: Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein

Denise Dismer

Freitagabend im Märkischen Viertel: Verwitterte sechzehnstöckige Wohntürme recken sich gen Himmel, die Straßen der ehemaligen Vorzeigesiedlung aus den sechziger Jahren sind wie ausgestorben. Ein Bus spuckt eine Handvoll "Innenstädter" aus: Friedrichshainer Studenten und Kreuzberger Alternative, die Gesichter in den Kapuzen ihrer Indio-Parkas versteckt. Sie sind gekommen, weil heute Abend Theater ist im Märkischen Viertel. Die "Rollende Road Schau" der Volksbühne vom Rosa-Luxemburg-Platz macht Station im Berliner Norden.

"Raus aus dem Themenpark Mitte - rein in die Pampa" lautet das Motto der Künstler. Sie wollen in "theaterfremden und theaterresistenten Gegenden" ein neues Publikum finden. Einen besseren Ort als das Märkische Viertel hätten sie sich dafür nicht aussuchen können: Öder ist Berlin höchstens in Marzahn, und da war die Container-Show in der vorherigen Woche. Nur schade, dass sich auch die vermeintlichen Zuschauer als äußerst theaterresistent erweisen. In sicherer Entfernung umkreisen bierbäuchige Trainingshosenträger die Theaterwiese während ihre Pinscher das letzte Tagesgeschäft verrichten.

Auf einer der vier Containerbühnen beginnt das Programm. "Wir wollen das Portrait Ulrike Meinhofs mit der Toaster-Technologie nachbilden", sagt ein Mädchen in Kittelkleid und Gummistiefeln. Die Brotscheiben werden - entgegen der Planung ohne die Hilfe der Anwohner und ihrer Toaster - in verschiedenen Stufen geröstet und dann, jede Scheibe ein Pixel, an die Wand genagelt. Etwas guten Willen vorausgesetzt, kann man am Ende in dem seltsamen Brot-Mosaik tatsächlich ein Abbild der toten Terroristin erkennen.

"Kommt hier überhaupt jemand aus dem Märkischen Viertel?" fragt die Toasterin."Wir", ruft eine Frau aus den Plastikstuhlreihen, die ansonsten vom Team der Volksbühne und deren Freunden belegt sind. Die Frau ist Ende dreißig, ihr Haar gezeichnet von zahlreichen Dauerwellen und Blondierungen. Mit Theater hat sie nichts am Hut: "Mein Mann und ich sind absolute Kulturmuffel", sagt sie. Und die Nachbarn? "Die kennen wir nicht. Dabei wohnen wir schon seit fünfzehn Jahren hier." Ulrike Meinhof, fährt das Gummistiefelmädchen fort, engagierte sich Ende der sechziger Jahre als Sozialarbeiterin im Märkischen Viertel, der "Keimzelle des Berliner Mieterprotestes". Über die Entwicklung des Viertels und Stadtplanung im Allgemeinen diskutieren Künstler und Architekten in einer Container-Box, die Besucher können das Gespräch per Kopfhörer mitverfolgen und auch daran teilnehmen - vorerst bleiben die drei Experten jedoch unter sich.

Inzwischen öffnet sich der Vorhang von Container Nummer drei: Die rappenden Handpuppen PuppetMastaz beginnen ihre Parodie auf die Mediengesellschaft in einer bonbonfarbenen Wohnzimmerkulisse mit Fototapete. DJ Nitro beschallt die Besucher mit Hip-Hop-Musik, das lockt Jugendliche an. Zeitweilig wenigstens. Eine 15-köpfige Clique taucht auf, flätzt sich in die Plastikstühle und posiert mit zurückgegelten Haaren und schweren Goldkettchen. Doch die Veranstaltung entspricht nicht ihrem Geschmack, nach ein paar Minuten ist das Grüppchen verschwunden. "Ich habe keine Ahnung, was das hier soll", sagt eine Frau im bunten Fleece-Pulli. Ratlos betrachtet sie die Anglizismen ausstoßenden Handpuppen auf der Bühne und die auf der Wiese tanzenden Freunde der Volksbühne. Dass sie sich mit den Anwohnern des Viertels nicht genügend auseinandergesetzt haben, ist nun auch den Veranstaltern klar. "Es reicht nicht, nur ein paar Handzettel zu verteilen", gibt Hannah Hurtzig vom Volksbühne-Team zu. "Wir hätten mit den Leuten reden, wochenlang vor Ort sein müssen." Zerknirschte Selbstkritik.

Unterdessen hat auf Bühne Nummer vier der Hauptact begonnen: Schauspieler präsentieren die Sprechautomaten der Autorin Gesine Danckwart. Dazu gehören das "Guten Morgengewinner-Gesicht" und das "Ich habe hier meine eigene Party-Gesicht". Figuren, die sich ununterbrochen selbst erklären. Auf Stühlen aufgereiht sinnieren sie über den Sinn des Lebens überhaupt und die Geschlechterverhältnisse im Speziellen. Das kommt bei Teilen des Publikums gar nicht schlecht an. Grölend prosten sich zwei Jugendliche mit ihren Bierdosen zu, sobald Wörter wie "Votze" oder "blasen" fallen. Zum Abschluss tritt Jürgen Kuttner auf die Bühne, der Radiomoderator und Fernsehschnipsel-im-Theater-Präsentator. Die "mobile Ideologiekritik zur Stadtplanung" lässt er ausfallen, stattdessen frotzelt er über die Wiese hinweg mit den PuppetMastaz. Selbst die standhaftesten Anwohner haben die Festwiese nun verlassen, nur ein älterer Herr ist geblieben: Jeder Spruch Kuttners löst bei ihm eine Lachorgie aus, volltrunken tanzt er um die leeren Plastikstühle.

"Unsere Idee ist es, Theater im öffentlichen Raum zu machen, ähnlich dem Straßentheater Westdeutschlands in den siebziger Jahren", sagt Hurzig. "Wir wollten raus aus Mitte, haben aber nicht gewusst, wie es in den Großraumsiedlungen tatsächlich aussieht." Von dem mangelnden Zuspruch bei den bisherigen Auftritten lassen sich die Theaterleute nicht entmutigen. Ein wenig bröckelt die theaterresistente Haltung der Zuschauer ja bereits. "Manche Sachen auf der Bühne fand ich sogar lustig", sagt ein 19-Jähriger, bevor er das Fest verlässt. Fest steht: Die Road Schau wird weiterrollen durchs wilde, unbekannte Berlin.

Die Rollende Road Schau gastiert heute und morgen in Lichtenberg, auf dem Lidl-Parkplatz Bornitzstraße/ Ecke Ruschestraße. Am 6. und 7. Juli macht sie in Neukölln Station, Rungiusstraße 9. Beginn jeweils 21.30 Uhr.

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